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Die Situation des Auerhuhnes im Schwarzwald

Auerhenne

Das Auerhuhn, die Leitart für nährstoffarme, lichte und strukturreiche Wälder in kontinental getönten Klimabereichen, leidet in West- und Mitteleuropa, so auch im Schwarzwald, seit vielen Jahrzehnten unter einem permanenten Lebensraumschwund.
Nach einer Schätzung von R. SUCHANT (FVA Freiburg) lebten um 1900 im Schwarzwald noch ca. 3.800 Auerhähne ! (Freiburger Forstliche Forschung, Berichte Heft 2, S.10-24).
Heute leben hier nach den Angaben der FVA bzw. der AHG Freiburg gerade noch zwischen 220 und etwa 300 Auerhähne ! (Freiburger Forstliche Forschung,
Heft 64, S.56, Abb.5+6)
Die ungefähre Bestandesentwicklung der vergangenen 20 Jahre zeigt die Abbildung 1:

Bestandsentwicklung

AHG-Angaben: FVA-Angaben:
1987: 530 Hähne
1993: 417 Hähne 349 Hähne
1998: 316 Hähne 315 Hähne
2000: 295 Hähne
2001: 303 Hähne
2002: 297 Hähne
2003: 258 Hähne 220 Hähne
2004: 283 Hähne
2005: 308 Hähne
2006: 291 Hähne
2007: 317 Hähne

Demnach hat der Auerhahnbestand in den letzten 20 Jahren mindestens um weitere 210 Hähne abgenommen !

Dabei verlief die Bestandesentwicklung im Nordschwarzwald aber völlig anders als im Südschwarzwald !
Das zeigt die differenzierte Betrachtung der Bestandesangaben für den Reg.bez. Freiburg und den Reg.bez. Karlsruhe in Abbildung 2:

Auerhahnentwicklung

Reg.bez. Freiburg: Reg.bez. Karlsruhe:

1987: 350 Hähne 1987: 180 Hähne
1990: 121 Hähne *
1991: 146 Hähne
1993: 280 Hähne
1994: 178 Hähne
1995: 258 Hähne 1995: 186 Hähne !!
1996: 220 Hähne 1996: 183 Hähne
1997: 209 Hähne 1997: 162 Hähne
1998: 198 Hähne 1998: 118 Hähne
1999: 160 Hähne 1999: 108 Hähne *
2000: 166 Hähne 2000: 129 Hähne
2001: 163 Hähne 2001: 140 Hähne
2002: 156 Hähne 2002: 141 Hähne
2003: 130 Hähne 2003: 128 Hähne
2004: 130 Hähne 2004: 153 Hähne
2005: 161 Hähne
2006: 121 Hähne 2006: 170 Hähne
2007: 126 Hähne 2007: 191 Hähne !!

Die FVA, die die Zahl der Hähne nach den Naturräumen Nordschwarzwald (nördlich der Kinzig), Süd- und Ostschwarzwald erfasst, gibt für die Auerhuhngebiete südlich der Kinzig in den Jahren zwischen 1993 und 2003 sogar einen Rückgang von 219 auf nur noch 73 Hähne an ! Während also die Zahl der Hähne im Reg.bez. Freiburg nahezu kontinuierlich abgenommen hat, folgte im Reg.bez. Karlsruhe nach den beiden Tiefständen in den Frühjahren 1990* und 1999* jeweils ein markanter Bestandesanstieg in den Folgejahren !
Der erste Anstieg hielt lediglich 5 Jahre an bis zum Jahre 1995 mit 186 Hähnen, der zweite hält bereits seit 8 Jahren an und hat nun im Frühjahr 2007 seinen vorläufigen Höchststand mit 191 Hähnen erreicht !
Der zweimalige deutliche Bestandesanstieg in den Gebieten nördlich der Kinzig zeigt, daß auch eine Teilpopulation von nur 121 bzw. 108 Hähnen bei günstigen Bedingungen wieder stark anwachsen kann !
Der starke Rückgang in den Jahren von 1995 bis 1999 zeigt aber auch, wie schnell eine kleine Teilpopulation bei sich verschlechternden Bedingungen zusammenbrechen kann !
Man geht davon aus, daß eine Population unter 250 Hähnen (bzw. 500 Vögeln) langfristig nicht mehr lebensfähig ist.
Für die Gebiete südlich der Kinzig muß deshalb damit gerechnet werden, daß das Auerhuhn hier schon bis zum Jahre 2017 verschwunden ist !

Nun zum Lebensraumschwund:
FVA-eigene Zahlen sprechen für sich:
Demnach ist der Lebensraum des Auerhuhnes im Schwarzwald im Zeitraum von 1993 bis 2003 um weitere 10.000 Hektar auf 51.000 Hektar geschrumpft, also um durchschnittlich 1.000 Hektar/Jahr! (Freiburger Forstliche Forschung, Heft 64, S.55, Abb.3).
Inzwischen dürfte der Lebensraum schon deutlich unter 50.000 Hektar liegen !

Das Verbreitungsgebiet ist aber schon in mehrere, räumlich weitgehend voneinander isolierte Teilgebiete zerfallen, in denen teilweise nur noch sehr kleine Restpopulationen leben !
Diese stehen nachweislich kaum noch miteinander in genetischem Austausch! Das betrifft insbesondere die Auerhuhngebiete südlich der Kinzig !

Über die Gründe, die im Nordschwarzwald in den Jahren von 1991 bis 1995 und seit 2000 zu den beiden deutlichen Bestandesanstiegen geführt haben, während es im Südschwarzwald weiter abwärts ging, gibt es unterschiedliche Meinungen.
Ich persönlich bin der festen Überzeugung, daß sich diese völlig unterschiedlichen Bestandesentwicklungen zwischen dem Nord- und Südschwarzwald nicht durch die Faktoren Predation, Tourismus, Witterung, Klima oder gar Nährstoffeinträge erklären lassen !
Für mich liegt die Erklärung ganz eindeutig darin, daß die beiden Orkane "Wiebke" (1990) und "Lothar" (1999) im Nordschwarzwald jeweils zu einer plötzlichen, starken Erhöhung des "edge-effects" geführt haben, von dem der Randlinien-Vogel "Auerhuhn" hier -und nur hier- unmittelbar profitieren konnte!
Der "edge-effect" hält natürlich nur so lange an, bis die aufgelichteten Bestandesränder durch die meist schon vorhandene und dann sehr rasch aufwachsende Verjüngung wieder dicht zuwachsen.
Nach dem Orkan "Wiebke" wurde bereits 8 Jahre später der niedrige Ausgangsbestand von 1990 wieder erreicht bzw. sogar schon leicht unterschritten !
Der in Bälde zu erwartende, völlige Zusammenbruch der Auerhuhnpopulation(en) im Schwarzwald läßt sich daher nach meiner festen Überzeugung nur noch verhindern durch eine unverzügliche, nachhaltige Optimierung aller Auerhuhngebiete im Staatswald und möglichst auch im Kommunalwald !
Durch den dann erhöhten Populationsdruck könnte sogar eine Wiedervernetzung zwischen den Auerhuhngebieten im Nord-, Ost- und Südschwarzwald erreicht werden, ohne auf den Privatwald zurückgreifen zu müssen !

Doch dazu ist die Landesforstverwaltung nicht bereit !
Entgegen aller öffentlichen Erklärungen fehlt es ihr am festen Willen, das Auerhuhn im Schwarzwald zu erhalten !
Das zeigt u.a. die Flächenbilanz bis zum Jahre 2004:
Dem bereits erwähnten durchschnittlichen Lebensraumverlust von 1.000 Hektar/Jahr in den Jahren von 1993-2003 steht eine durchschnittliche Auerhuhn-Pflegefläche von lediglich 100 Hektar/Jahr in 1998-2004 gegenüber !
(Freiburger Forstliche Forschung, Heft 64, S. 211)

Angesichts dieser beschämenden Flächenbilanz und der beiden markanten Bestandesanstiege im Nordschwarzwald nach den Orkanen "Wiebke" und "Lothar" wirkt es einfach nicht mehr glaubwürdig, wenn Forstleute immer wieder auch außerforstliche Einflußfaktoren wie Prädatoren, Tourismus, Nährstoffeinträge oder Klimaerwärmung für den Rückgang des Auerhuhnbestandes verantwortlich machen wollen !

Mit der permanenten Wiederholung dieser zeitraubenden und unfruchtbaren Randthemen lenkt die Forstverwaltung seit Jahrzehnten von der eigenen, zentralen Verantwortung für die Entwicklung des Auerhuhnbestandes ab und versucht immer wieder, diese zu relativieren !


Auch in dem bisher nur im Entwurf vorliegenden "Aktionsplan Auerhuhn" nehmen derartige nebensächliche Einflußfaktoren wieder einen unverhältnismäßigen großen Umfang ein !
Dagegen reichen die den Lebensraum verbessernden, vorgesehenen Habitatgestaltungsmaßnahmen weder quantitativ noch qualitativ aus, um das Auerhuhn im Schwarzwald zu erhalten !
Außerdem zieht sich deren Umsetzung nach Festlegung durch die Forsteinrichtung viel zu lange hin !

Die Parallelitäten im Umgang mit dem inzwischen ausgestorbenen Haselhuhn sind unverkennbar ! (www.nabu-bw.de "Der Untergang des Haselhuhnes in Baden-Württemberg und seine Ursachen")
Wie schon beim Haselhuhn entsteht auch beim Auerhuhnschutz der Eindruck, daß die Forstverwaltung mit allen möglichen Mitteln Zeit gewinnen will, bis sich das "Auerhuhnproblem" unter ihrer "Schutzherrschaft" durch Aussterben von selbst erledigt hat !
Immerhin liegt die Gründung der ersten, von der Landesforstverwaltung einberufenen "Arbeitsgruppe Auerwild" mehr als 35 Jahre zurück !
Seitdem hat sich außer etlichen, von mal zu mal stärker aufgeblähten Arbeitsgruppen und Plänen nichts Entscheidendes in Sachen eines nachhaltigen Auerhuhn-Managements getan !

Die jüngste Äußerung des Leiters der FVA Freiburg, Herrn v. Teuffel, in der Badischen Bauern Zeitung BBZ Nr.42 vom 20.10.07 zeigen deutlich, wie wenig dem Leiter der für die Erhaltung des Auerhuhnes zuständigen Forstbehörde noch an der Erhaltung des Auerhuhnes im Schwarzwald liegt:
Herr von Teuffel meint, am Beispiel der Auerhuhnschutzgebiete aufzeigen zu können, daß das veränderte Klima hier bereits zu einer Veränderung der Lebensbedingungen für das Auerhuhn geführt hat, da dessen Lebensräume schon heute nicht mehr ausreichend mit der Umgrenzung der ausgewiesenen Schutzgebiete übereinstimmen !

Diese Abweichungen mit veränderten Klimabedingungen erklären zu wollen, ist haarsträubend !
Zum einen muß Herrn von Teuffel bekannt sein, daß nur ein Teil des Auerhuhnlebensraumes/ Verbreitungsgebietes als Schutzgebiet ausgewiesen wurde. Zum anderen müßte ihm auch bekannt sein, daß das Auerhuhn auf zigtausenden Hektar potentiellem Lebensraum trotz idealer Klimabedingungen wegen ungünstiger Waldstrukturen kaum noch oder gar nicht mehr vorkommt (z.B. Ostschwarzwald), dafür aber auf zigtausend Hektar, die durchaus nicht so günstige Klimabedingungen, dafür aber günstigere Waldstrukturen aufweisen !
Herr von Teuffel`s Klima-Folgerungen am Beispiel des Auerhuhnes gipfeln in der Aussage:
,,Artenschutz, wo schon Hopfen und Malz verloren ist, müssen wir uns überlegen".
Mit einer derart unqualifizierten, in höchstem Maße destruktiven und demotivierenden Aussage fällt Herr von Teuffel all jenen Menschen, sogar einigen seinen eigenen Mitarbeitern, in den Rücken, die sich seit vielen Jahren um die Erhaltung des Auerhuhnes bemühen !
Durch eine derartige Äußerung ausgerechnet in der Badischen Bauernzeitung untergräbt er -anscheinend genau kalkuliert !- die jahrzehntelangen Bemühungen, Privatwaldbesitzer, vor allem im Mittleren Schwarzwald, für Maßnahmen zur Erhaltung des Auerhuhnes zu gewinnen !

Da Herr von Teuffel seine öffentlichkeitswirksam vorgetragene Äußerung bis zum heutigen Tage nicht zurückgenommen hat, muß leider davon ausgegangen werden, daß er diese nicht ohne die Rückendeckung seiner Verwaltung ausgesprochen hat, selbst wenn sich der neue Abteilungsleiter für Forst- und Naturschutz im MLR, Herr Max Reger, in der bwWoche vom 12.11.07 von dieser Äußerung wieder etwas zu distanzieren versucht
mit den Worten:
"Wenn die Temperatur bei uns steigt, kann das Auerhuhn Probleme bekommen. Daraus aber den Umkehrschluß zu ziehen, daß wir jetzt nichts für diese Tierart tun sollten, halte ich für falsch."

Mit derart halbherzigen Bekenntnissen zum Auerhuhnschutz hat die Landesforstverwaltung ihre Glaubwürdigkeit für künftige Maßnahmen zur Erhaltung des Auerhuhnes im Schwarzwald entgültig verloren !
Der durch solche Äußerungen entstandene Schaden ist einfach zu groß, als daß er für den künftigen Auerhuhnschutz ohne Folgen bleiben darf !
Wenn die Landesforstverwaltung wirklich befürchtet, daß das Auerhuhn bei uns bei steigenden Temperaturen "Probleme" bekommen könnte -wofür bisher nichts spricht !- gerade dann sollte sie um so mehr bereit sein, dessen natürlichen Lebensraum überall dort, wo er durch ihre Wirtschaftsweise geschädigt wurde/wird, schnellstens wiederherzustellen !
Doch welche wirksamen Habitatgestaltungsmaßnahmen kann man bei einem derart halbherzigen Bekenntnis zum Auerhuhnschutz noch von der Forstverwaltung erwarten ?!

Die Landesforstverwaltung hat schon das Aussterben des Haselhuhnes im Schwarzwald zu verantworten !
Es ist höchste Zeit, daß die Verantwortung für die Erhaltung des Auerhuhnes einer anderen Behörde übertragen wird !

Thomas Asch
(ehem. Mitglied der AHG und AGR)

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