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Die Entwicklungsphasen von Wolfs- und Hundewelpen

- Basis für das spätere Zusammenleben in einem Sozialverband -

von Dr. Frank G. Wörner

Eine der wichtigsten Aufgaben des Hundes in unserer Gesellschaft ist vielleicht auch eine seine ältesten, nämlich die des Sozialpartners: Allgemein zeichnet sich die Gruppe der Caniden („Hundeartige") als äußerst anpassungsfähig an die verschiedensten Lebensumstände aus; kaum ein Tier hat es geschafft, sich so eng dem Menschen anzuschließen und bei ordnungsgemäßer Aufzucht und Haltung ein Familienmitglied zu werden (Katzenliebhaber mögen jetzt protestieren, aber Katzen leben m.E. mehr „neben" der Familie und lassen sich kaum integrieren.) Die mit Abstand wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Integration legt der Züchter, bei dem die Welpen ihre Prägungsphase verleben, und der spätere Halter, dessen wichtigste Aufgabe nach Übernahme der Welpen vom Züchter eine korrekte und liebevolle Sozialisierung seines zukünftigen Gefährten sein muss.
Die von KONRAD LORENZ (1935) bei seinen verhaltenskundlichen Studien entdeckte, von ihm beschriebene und auch so benannte „Prägungsphase" in der Frühentwicklung von (zunächst) Vögeln und Säugetieren wurde vor allem von EBERHARD TRUMLER bei Haus- und Wildhunden untersucht und die Ergebnisse breitesten Kreisen von Hundeliebhabern mitgeteilt. Die in viele Sprachen übersetzten TRUMLER'schen Bücher über diese Forschungen sind zu Standardwerken von all denjenigen geworden, die sich ernsthaft mit Hunden und deren Erziehung und Ausbildung auseinandersetzen.
Hunde sind keine rein instinktgesteuerten Lebewesen, sondern äußerst lernfähig und in den Jugendphasen auch lernbegierig - Prägung ist zwar auch eine Art des Lernens, es bestehen aber erhebliche Unterschiede zu anderen Lernvorgängen, insbesondere dass Prägung nur innerhalb einer „sensiblen" Periode möglich ist; d.h. die Prägungsbereitschaft als ein streng definierbarer Zeitraum ist in der Jugendentwicklung eines Tieres immer ein einmaliger und unwiederholbarer Vorgang: Prägung ist ein Lernphänomen, bei dem Tiere während einer kurzen, genetisch determinierten Zeitspanne praktisch irreversibel auf die Objekte ihrer sozialen Beziehungen festgelegt werden (CELLI, 2001).
Verstreicht diese sensible Periode ungenutzt, so wird das betreffende Tier nicht geprägt, was automatisch zu schwerwiegenden lebenslangen Verhaltensstörungen führt - was fast jeder Hundebesitzer, der seinen Welpen nicht bei einem Züchter, sondern bei einem „Hundevermehrer" oder im Tierhandel erwarb, leider bestätigen kann. Prägungsvorgänge sind irreversibel und therapieresistent!
Diese Prägungsphase kann je nach Tierart schnell ablaufen und nur wenige Stunden andauern wie z.B. bei nestflüchtenden Entenküken und Gänseküken, bis hin zu wochenlangen Prägungsvorgängen (ca. 4. bis 8. Lebenswoche) bei dem Nesthocker Hund.
Unsere Wölfe und Hunde, als Nesthocker blind, taub und somit hilflos geboren, müssen eine längere Prägungsphase als Nestflüchter haben. Bei den Nesthockern kann diese erst dann einsetzen, wenn die Sinnesorgane der Kleinen ausgeprägt arbeiten und auch die Bewegungen koordinierter werden, d.h. frühestens (bei der Gattung Canis) beginnend im Alter von drei bis vier Wochen. Dann aber holen die Welpen schnell auf: Je größer der scheinbare Entwicklungsrückstand im Vergleich zum Nestflüchter ist, d.h. je länger es dauert, die vollständige Selbständigkeit zu erlangen, um so mehr wird das einzelne Individuum auch dazu lernen, und um so vielfältiger werden seine Reaktionen auf Umweltreize, aber auch die von seinen Sozialpartnern/Rudelgenossen gesetzten Reize sein. Das Lernen allgemein kann als Annahme von Verhaltensmustern, die nicht zum angeborenen Verhaltensrepertoire einer Art gehören, definiert werden. Es bedeutet letztlich eine Anpassung des Verhaltens des Individuums an die Gegebenheiten der Umwelt i.w.S.
Bedingung für echtes Lernen ist die Fähigkeit, Informationen zu speichern, diese bei Bedarf abzurufen und ein angeborenes Unterscheidungsvermögen zwischen guten und schlechten Erfahrungen. Angeborene Verhaltensweisen, wie wir sie bei bis zu zwei Wochen alten Welpen in ihrer „Vegetativen Lebensphase" beobachten können, sind von Lernprozessen unabhängig und sind als stammesgeschichtliche Anpassung der Art an ihre Umwelt zu werten.
In der Prägungsphase der Welpen finden wir die einfachste Form des Lernens, das sogenannte „Obligatorische Lernen", das uns als so selbstverständlich erscheint, dass wir es oftmals gar nicht als eine Form des Lernens erkennen: Das Obligatorische Lernen bedeutet eine Anpassung des Individuums an seine Umwelt. Lernen wird für den Welpen eine biologisch notwendige Anpassungsleistung, deren wichtigstes Element das Lernen durch Erfolgserlebnisse darstellt; die Mechanismen sind die gleichen, die wir bei z.B. der „Selbstdressur" u.a. von Zootieren kennen. Sein exploratives Verhalten lässt ihn immer wieder in Situationen kommen, die gemeistert werden wollen, wobei er im Spiel wichtige Verhaltensweisen für das spätere soziale Zusammenleben einübt und soziale Verhaltensweisen der älteren Rudelgenossen übernimmt, die er später als „Traditionen" („Vererbung" außerhalb der genetischen Schiene an die nachfolgenden Generationen weitergeben kann.
Bei unseren Haushunden ist diese Prägungsphase der wichtigste Lebensabschnitt für das spätere Zusammenleben mit dem Mensch: In diesem Lebensabschnitt, gekennzeichnet durch die Neugier und die angeborene Lernbegabung der Welpen, werden sie nun schnell auf den Menschen geprägt. Das ursprüngliche wölfische Scheu- und Meideverhalten wird sich später, da der Mensch als ungefährlicher Artgenosse kennen gelernt und angesehen wird, nicht mehr ausprägen.
Andererseits sind Fehler, die während dieser Prägungsphase im Umgang mit dem Welpen gemacht werden, auch beim erwachsenen Hund zeitlebens nicht mehr korrigierbar. Während dieser Phase muss man sich intensivst mit den Welpen beschäftigen - unterlässt man es, werden sie für ihr ganzes Leben ihr Scheuverhalten nicht ablegen. Im Alter von vier bis fünf Wochen zeigen Welpen auch schon die ersten Anzeichen von Aggression, obwohl offensichtlich kein Grund besteht, dem Wurfgenossen gegenüber aggressiv aufzutreten: Die für sie elementaren Bedürfnisse wie Futter und Fürsorge des Muttertieres sind für alle reichlich vorhanden.
Neben der Furcht ist die Aggression ein ebenso wichtiger biologischer Faktor des Überlebens, sowohl für das Individuum als auch für den ganzen Sozialverband des Rudels. Durch die innerartliche Aggression werden die stärksten, gesündesten und intelligentesten Individuen in Rivalenkämpfen um u.a. Rangstellung und Geschlechtspartner - also Fortpflanzung - selektiert, was zum Heranzüchten besonders starker, vor allem männlicher Tiere führt. Es kann also nicht Ziel einer Hundezucht sein, aggressionsfreie Tiere zu züchten - was wir nicht wollen, sind Hunde mit unerwünschter und unkontrollierbarer Aggressivität; deren Wurzel ist aber oftmals in den Aufzucht- und Ausbildungsbedingungen zu suchen.
Aggressives Verhalten dient auch dazu, Territorien zu erwerben und zu verteidigen; diese Reviere haben den Vorteil für die Wölfe, dass sie innerhalb des ihnen vertrauten Gebietes leichter dem Nahrungserwerb nachgehen können. Ein solches Territorium verleiht Geborgenheit und erleichtert so den Zusammenhalt des Rudels, weil die Verteidigungsbereitschaft wächst und die Nachbarn die territorialen Grenzen respektieren, was zusätzlich weniger Störungen bei der Aufzucht der Jungen bedeutet. Das von dem Wolf geerbte Territorialverhalten kann große Probleme im Zusammenleben mit dem Menschen verursachen - hieran Zweifelnde mögen ihren Briefträger fragen!
Für die Welpen beginnt mit ungefähr der neunten Lebenswoche die Sozialisierungsphase. Der Schweizer PORTMANN (1953) definierte dies „Sozialisierung ist ein Prozess, in dessen Verlauf sich ein Individuum den sozialen Erfordernissen der Umwelt gegenüber anpasst oder dazu veranlasst wird, in dem es sich die Normen der sozialen Umwelt zu eigen macht und allmählich lernt, diesen Normen entsprechend zu handeln."
Der junge Wolf lernt also quasi zwangsweise durch sein Aufwachsen im Rudel die Spielregeln des sozialen Zusammenlebens: er lernt die Artgenossen kennen und hat Angst davor, sich zu weit von ihnen zu entfernen. Er weiß, dass ein Alleingelassenwerden identisch mit einem Todesurteil ist (hierher rühren auch oftmals die Separationsängste unserer Haushunde), und er wird alles daran setzen, zu seiner Familie zurückzufinden.
Der Welpe lernt zunächst die nähere Umgebung seines mütterlichen Lagers kennen, wobei er sich fast schrittweise immer weiter vom Bau entfernt, sich aber auch immer wieder an älteren Rudelmitgliedern, vornehmlich Muttertier und einem eventuellen „Kindermädchen" orientiert. Hierbei macht er seine positiven und negativen Erfahrungen, die sich dem kleinen Welpen unauslöschlich einprägen. Diese Lernprozesse führen zu Verhaltensanpassungen (auch „Fakultatives Lernen" genannt) und gehen über das obligatorische Lernen hinaus; das fakultative Lernen bestimmt die individuelle „Handlungsfreiheit" und wird bei der Erziehung und besonders der Ausbildung des Hundes genutzt. Naturgemäß ist diese Form des Lernens beim Menschen am extremsten von allen Lebewesen ausgeprägt, in einem hohen Maße aber auch - zumindest im Vergleich mit anderen Säugetieren - beim Hund. Es drückt sich bei ihm im Neugierverhalten und im Spiel aus, mit einer der gravierensten Fehler in der Hundehaltung ist demnach die Vernachlässigung der Lernfähigkeit, was in vielen Fällen zu schwerwiegenden Verhaltensstörungen des Hundes führen kann.
Generell wird von vielen Hundehaltern die Tatsache ignoriert, dass die Welpen dringend auch auf soziale Kontakte mit ihren Wurfgeschwistern angewiesen sind, indem sie sich wichtige Verhaltensgrundlagen untereinander selbst beibringen; die Kampfspiele häufen sich in diesem Lebensabschnitt, wobei die Welpen lernen, ihre eigene Stärke abzuschätzen und auch gezielt einzusetzen. Natürlich kommen ernsthafte Verletzungen bei diesen Spielen der Jungen untereinander kaum vor: Durch den Einsatz der nadelspitzen Milchzähne wird eine protestierende Reaktion des Wurfgenossen in Form eines Schmerzensschreies geradezu provoziert. Es treten also jetzt allmählich jene Mechanismen in Erscheinung, die Beschädigung des Art- bzw. Rudelgenossen - was ja auch gleichzeitig eines Schwächung des gesamten Sozialverbandes z.B. während der Jagd und hiermit eine Lebensbedrohung aller wäre - weitgehend verhindern.
Gesunde Hunde aus ordnungsgemäßer und liebevoller Zucht, die nach den Erkenntnissen einer neuzeitlichen Verhaltensforschung hundegemäß während ihrer ersten Lebensmonate aufgezogen wurden, haben gar keine andere Chance als gute Hunde, verlässliche Freunde und Kameraden zu werden. Eine der Grundbedingungen hierfür ist das Spiel; was aber ist Spiel?
Mit den Definitionen der gängigen Lexika der deutschen Sprache, Spiel als „Handlung, die nicht ernst gemeint ist", sowie „zweckfreie Tätigkeit oder auch Beschäftigung aus Freude an ihr selbst", kommen wir in der Kynologie nicht weiter. Die moderne Ethologie beschreibt schon präziser: „Das Tier arbeitet, wenn ein Mangel die Triebfeder seiner Tätigkeit ist, und es spielt, wenn der Reichtum an Kraft diese Triebfeder ist." Somit ist das Spiel von keiner direkten Notwendigkeit bestimmt, es hat aber dennoch für das Tier eine immense Bedeutung; es ist eines der wesentlichen Elemente bei der Erziehung und der Ausbildung unserer Hunde.
Für die Jugendentwicklung aller sozial lebenden Tiere ist das Spielen von hervorragender Bedeutung, für Hund und Wolf ist es - auch für den Adulten - dringend für sein psychisches Wohlbefinden von hervorragender Bedeutung. Wie auch beim Menschenkind, so lernt der Welpe und später der Junghund/-wolf im Spiel vor allem auch in der Sozialisierungsphase Dinge, die er im späteren Leben z.B. bei der Jagd, aber auch im sonstigen sozialen Zusammenleben mit Artgenossen oder bei uns im „Familienrudel" braucht. Unsere Haushunde spielen ja, Tierreich sehr selten, noch bis in das hohe Alter, was sich relativ einfach aus ihrer allgemeinen Verjugendlichung heraus (mit Ausnahme von einigen Vogelarten kann Spielverhalten nur bei vor allem jungen Säugetieren beobachtet werden) erklären lässt - in vielen Fällen verhalten sich erwachsene Hunde wie junge Wölfe. Auch in einem Wolfsrudel wird noch von den älteren gespielt, man sieht aber deutlich, dass die Jungtiere intensiver und öfter als die Alten spielen.
Das Spiel hat keinen Ernstbezug zu dem Verhaltensbereich, der „nachgespielt" wird. Es dient bei erwachsenen Rudelmitgliedern teilweise der Auseinandersetzung und der Austragung sozialer Konflikte, in spielerischer Form können Aggressionen vermindert und die Rangordnung spielerisch stabilisiert werden. Das Spiel kann so als Puffer zwischen freundlichem und aggressivem Verhalten fungieren und den direkten Ausbruch einer schweren Aggression verhindern. Eine beginnende Aggression kann z.B. durch eine Spielaufforderung an den Sozialpartner abgeschwächt werden.
Im Spiel trainieren die Jungen nicht nur ihre Bewegungskoordination, was für das Erlernen der Jagdtechniken eminent wichtig ist, sie erkunden auch spielerisch ihre Umwelt, wobei sie ihre Sinne, ihr Gedächtnis und ihre Assoziationskraft schärfen, sie werden auch ebenso im Spiel an die Gruppe gebunden, um in einer späteren Lebensphase eine Rangordnung aufstellen und festigen zu können.
Wer von den Mechanismen und der Bedeutung des Spiels von Hunden nichts weiß, hat einen wesentlichen Zugang zum Verständnis unserer jahrtausendealten Weggefährten sich selbst versperrt. Wer die Mechanismen kennt und wissentlich dagegen verstößt, ist ein Verbrecher, dem zumindest die Hundehaltung verboten werden muss. Wer seinen Hund nicht im Spiel fordert und ihm die Grundregeln im Umgang mit seinem menschlichen Sozialpartner, der die Stelle des einstigen Rudelgenossen eingenommen hat, wird einen Hund erhalten, der sich dem Menschen gegenüber nicht sozial verhält, d.h. ihn im schlimmsten Fall verletzt oder gar tötet. Dass ein solches Tier neben der von ihm ausgehenden Gefahr für den Menschen auch für sich selbst eine Last ist, stellt schon allein einen massiven Verstoß gegen das Tierschutzgesetz dar.
Die spätere Rangordnung zeichnet sich schon relativ früh, zunächst sehr spielerisch, innerhalb der Welpen eines Wurfes ab, wobei dieser Wurf mit seiner Rangordnung als Gesamtheit aber noch lange außerhalb der eigentlichen Rangordnung des Rudels lebt. Schon innerhalb der Junghunde eines Wurfes sind deutlich starke individuelle Unterschiede zu beobachten: Einige stärkere und größere können versuchen, kleinere und schwächere Individuen zu dominieren. Ein Kleiner kann sich aber durchaus erfolgreich zur Wehr setzen und sein Recht behaupten, er kann aber auch - wenn er nicht genügend Selbstbewusstsein besitzt - zum „Prügelknaben" werden. Damit überhaupt ein Sozialgefüge entstehen kann, müssen die Junghunde untereinander in ihrem Charakter unterschiedlich sein. Diese vielfältigen Unterschiede, die die große Variabilität des Verhaltensrepertoires des einzelnen Individuums als auch später des ganzen Rudels verursachen, sind natürlich verankert.
Der Vaterrüde hat im intakten Sozialverband allgemein gegen Ende der Sozialisierungsphase sein Verhalten gegenüber den Junghunden deutlich geändert, er ist sehr viel autoritärer geworden und bringt ihnen eine straffe Disziplin bei. Hunde schätzen Autorität, aber keinen Despotismus! Die Erziehung erfolgt konsequent und sollte als Vorbild für die Erziehung unseres eigenen Junghundes dienen, die spätestens in diesem Lebensabschnitt ernsthaft einsetzen sollte, um die in der Prägungsphase begonnene Sozialisierung auszudehnen und zu festigen.
Die Sozialisierungsphase ist derjenige Abschnitt im Leben des Hundes, der für die Beziehung zwischen ihm und dem Menschen nächst der Prägungsphase die größte Bedeutung hat, hier werden die Grundsteine für die gesamte weitere Entwicklung des Hundes als soziales Tier gelegt; der Hund muss lernen, sich in das Leben in der Gemeinschaft (in das „Familienrudel") einzugliedern und die Fähigkeit ausbilden, sich unterzuordnen und seine Stellung als Rangniederster zu akzeptieren. Geschieht das nicht, erhält man keinen Hund, der sich freudig unterordnet, sondern bestenfalls ein Tier, das eine erzwungene Unterwürfigkeit aufweist.
Mit zunehmenden Alter der Junghunde und teilweise auch rasseabhängig wird es zunehmend schwieriger, die nun folgenden Lebensabschnitte zeitlich genauer zu definieren und einzugrenzen, generell folgt aber der Sozialisierungsphase ungefähr in der 13. - 16. Lebenswoche die Rangordnungsphase.
Die Rangordnung hat sich innerhalb der Junghundschar schon in spielerischer Form in den vorhergegangenen Wochen locker entwickelt, man konnte schon die „Klein-Alphas" (wie ZIMEN sie nennt) deutlich ausmachen, nun aber ist sie festgelegt und wird sich für einen längeren Zeitraum innerhalb der Tiere einer Altersgruppe bzw. eines Wurfes nicht mehr ändern, wobei natürlich der Alpha-Rüde des Rudels nach wie vor unumstrittene Autorität bleibt.
In einem Rudel sind also, und dieser Punkt ist für das Verständnis des folgenden wichtig, die unterschiedlichsten Geschlechter, Altersgruppen und auch Temperamente zusammen. Im Normalfall sind ältere Tiere ranghöher, bei Gleichaltrigen muss die Rangordnung geregelt werden, was spielerisch schon im Junghundalter geschah. Die „Klein-Alphas" verhalten sich innerhalb ihrer Altersgenossen wie der Alpha-Rüde im Verband der adulten Rudelmitglieder, nur dass die „Klein-Alphas" sich sehr viel aggressiver gebärden können.
Das Aufstellen der Rangordnung der Adulten - d.h. das Etablieren einer absoluten sozialen Hierarchie - erfolgt meist unter aggressiven Handlungen, wobei es allerdings im Normalfall nicht zu ernsthaften Verletzungen kommt. Bei den sozial lebenden Arten wie Hunden/Wölfen ist oftmals die körperliche Stärke nicht für die Stellung innerhalb der Rangordnung entscheidend, sondern vor allem die Intelligenz und ein gesundes Selbstbewusstsein, das der geschickte Alpha in unnachahmlicher Weise zum Ausdruck bringt, und das wir allgemein als Dominanz bezeichnen. Hierzu gehört aber auch, vom Menschen meist übersehen, eine besondere Bereitschaft zum sozialen Zusammenleben, was nicht zuletzt durch die Fürsorglichkeit gegenüber den Welpen demonstriert wird. Vom Temperament her sind extrem aggressive und andererseits sehr ängstliche Hunde für höhere Positionen im Rudel nicht geeignet, sondern eher Individuen, die zwischen Angst und Angriffslust die Waage halten und es verstehen, ihr jeweiliges Verhalten situationsbedingt zu modifizieren.
Als soziale Tiere beherrschen Wölfe und Hunde das Instrumentarium von Dominanz und Unterwerfung perfekt. Das hat Konsequenzen für das Zusammenleben von Mensch und Hund, das Dominanzverhalten - hierzu gehört natürlich auch die Unterwerfung - ist zwar unseren Hunden angeboren, gehört aber in dieser Form nicht unbedingt zum ursprünglichen Verhaltensrepertoire des Menschen; der Mensch muss es also intellektuell lernen, seine Dominanz dem Hund zu signalisieren. Dominanz hat aber, was viele Hundehalter und vor allem -ausbilder oft verwechseln, nichts mit Strenge oder gar Härte zu tun. Ein Hundehalter, der sein Tier wegen seiner vermeintlichen oder tatsächlichen physischen Überlegenheit verprügelt, erreicht damit keineswegs ein zuverlässiges Gehorchen oder Unterordnung, er zerstört lediglich nachhaltig durch eine dem Hund unverständlich aggressive Haltung die soziale Bindung.
Ein übermäßig aggressives Individuum wird somit niemals zum Alphatier aufsteigen, allein schon weil es durch sein Verhalten erwünschte bzw. sogar überlebensnotwendige soziale Verhaltensweisen verhindert. Die anderen Rudelmitglieder entwickeln in seinem Beisein ebenfalls starke Aggressionen, oder sie meiden es, d.h. sie fliehen und zwingen den Aggressor in die soziale Isolation, was unter den harten Bedingungen des z.B. arktischen Winters einem Todesurteil gleichkommt.
Der Rangordnungsphase schließt sich die Rudelordnungsphase an, in der unsere Haushunde lebenslang verbleiben. Durch diesen Einsatz bei der Jagd sammeln die jungen Wölfe Erfahrungen beim Zusammenarbeiten; sie lernen unbedingte Disziplin unter Anerkennung des erfahrenen Jagdführers, der seine bei der Jagd gesammelten Erfahrungen an die Jungtiere weitergibt und so eine Arbeits- und Aufgabenverteilung ermöglicht. Allgemein bedeutet im Rudelleben die Rangordnung bei der Jagd eine Arbeitsteilung, während die Rangordnung an der Beute einer Fressordnung entspricht, die natürlich auch einen selektiven Charakter annehmen kann; in Zeiten von starkem Futtermangel bleibt das ohnehin schwächste Tier zurück und fällt somit unweigerlich für die genetische Erhaltung der Art aus. Durch diese Rudeljagd wird die Chance des Jagderfolges wesentlich vergrößert, und wiederum erfahren die Jungtiere die Vorteile des Lebens in einem wohlgefügten Sozialverband, bis sie nach einer mehrjährigen Lernphase, in der sie ihre eigenen Erfahrungen mit der der Älteren vereinigt haben, außer der Geschlechtsreife auch die soziale Reife erreicht haben.
Wölfe, die die Geschlechtsreife erreicht haben und sich nicht in die Ordnung des Rudels einordnen wollen, werden vertrieben und wandern unter den Bedingungen der freien Wildbahn ab - in der oft romantisierenden Abenteuerliteratur als „trailing wolf" bezeichnet. Diese Entwicklungsphase wird bei den Haushunden landläufig mit „Pubertät" bezeichnet.
Da alle Tiere innerhalb eines Rudels sich untereinander individuell kennen und auch um die Rangstellung des anderen wissen, wird verhindert, dass bei jedem Konflikt die Stärke des Gegners getestet werden muss. Die Rangordnung wird zwar in fast allen Fällen aggressiv, aber in Form von Ritualen („Kommentkämpfen") und ohne die Absicht, dem anderen ernsthaft zu schaden, ausgetragen. Den Wölfen und auch ursprünglichen Hunden stehen hier eine Fülle von Droh- und Imponiergebärden und -gehaben zur Verfügung, die der Gegner erwidern kann.
Ist die Rangordnung erst einmal festgelegt, kann das Zusammenleben im Rudel so friedfertig werden, dass man die Existenz einer solchen starken sozialen Schichtung nicht auf den ersten Blick vermuten würde. Diese Friedfertigkeit ist ein weiterer Mechanismus des Überlebens für das ganze Rudel, vor allem in Zeiten starken Nahrungsmangels wird keine Energie in Form von Rangordnungskämpfen verschwendet - ein verletztes Rudelmitglied würde außerdem als Jäger nicht voll einsetzbar sein und somit den überlebenswichtigen Jagderfolg gefährden. Alle verfügbare Energie wird für die erfolgreiche Jagd eingesetzt.
Im intakten Rudelverband der Wölfe finden wir zwei voneinander unabhängige und nach Geschlechtern getrennte Rangordnungen vor, die von einem Stammelternpaar (den ältesten und erfahrensten Individuen) angeführt werden. Tiere aus früheren Würfen, die nicht abgewandert, sondern bei den Alphas geblieben sind, bilden die Rangniederen, während jüngere Welpen noch außerhalb der eigentlichen Rangordnung stehen. Ein Rudel kann definitionsgemäß schon aus zwei bis drei Tieren bestehen, mehr als acht bis zehn Tiere werden sehr selten gezählt, vor allem nicht in den Sommermonaten.
Es sind immer einzelne herausragende Tiere, die den Zusammenhalt des Rudels als Leittiere beeinflussen, wobei aber nochmals deutlich darauf hingewiesen werden, dass der sogenannte „Leitwolf" eine Fiktion aus Wunschvorstellungen und romantisierenden Abenteuergeschichten ist. Dennoch ist es vor allem der Alpharüde, der eine wichtige Position beim Zusammenhalt des Rudels einnimmt. Ebenso unter den Rangniederen gibt es ausgesprochene Freundschaften, wenn zwei Individuen sich gegenseitig attraktiv finden. Die stärkste gegenseitige Attraktion und auch die stärksten Bindungen finden wir bei den ranghohen Adulten, die für die anderen im Zentrum des Interesses stehen, und in deren Nähe sich das Rudel bevorzugt aufhält.
Wölfe haben ein ausgefeiltes Kommunikationssystem untereinander. Am bekanntesten ist das sprichwörtliche Heulen, während ein eigentliches Bellen, eher ein unartikuliertes Wuffen, bei den Wölfen einen untergeordneten Stellenwert einnimmt.
Alle Kommunikationsmöglichkeiten - optisch, akustisch, oleofaktorisch - finden wir auch bei unseren Hunden wieder. Unsere Hunde, von Geburt auf scharfe Beobachter (selbst Welpen erkennen sofort die menschlichen Schwachpunkte der Erziehung und nutzen diese hemmungslos zu ihrem Vorteil aus), erkennen unsere Absichten, wenn wir für uns meist unbewusste und auch unbemerkte Körpersignale aussenden, auf die der Hund reagiert; der Mensch aber, der die Zusammenhänge nicht kennt, vermutet leicht einen „sechsten Sinn" bei seinem Vierbeiner.
Wenn auch nach dem Krieg und besonders in den letzten Jahrzehnten durch viele Gehege- und Freilandbeobachtungen zahlreicher Wissenschaftler sehr viele alte Vorurteile, Halbwissen und Schauergeschichten über Wölfe als solche entlarvt und in das Archiv der wissenschaftlichen Irrtümer abgelegt werden konnten, bestehen bei kynologischen Laien und ebenfalls bei ignoranten Hundehaltern noch viele Vorurteile und Missverständnisse über die wölfischen Rudelstrukturen, die besonders Leute mit falschem Autoritätsverständnis gerne für sich auszunutzen versuchen, indem sie sie auf die menschliche Gesellschaft übertragen. Diese Personen, gerne auf die hierarchisch aufgebaute Struktur der wölfischen Sozialverbände hinweisend, leiten daraus diktatorische Vorrechte und Führungsansprüche für sich ab, die so in der Natur nicht bekannt sind, und deren perverse Auswüchse unter einem pseudowissenschaftlichen Mäntelchen verbrämt als „Sozialdarwinismus" verkauft werden - vorzugsweise von und an Leute, die von DARWIN außer seinem Namen noch nie etwas gehört, geschweige denn gelesen oder gar verstanden haben.
Es ist natürlich so, dass ein Wolfsrudel eine gemeinsame Form des Zusammenlebens unter starken autoritären Anführern darstellt, wobei diese Anführer aber niemals Despoten sind. Das Rudel gibt aber auch jedem Individuum die Freiheit, sich seinen Möglichkeiten gemäß frei zu entfalten. Gerade die Tatsache, dass jedes einzelne Tier gemäß seinen Fähigkeiten einen bestimmten Rang einnimmt und dort diese Fähigkeiten zum Wohl des Rudels einsetzt, macht diese Lebensgemeinschaft „Wolfsrudel" so ungemein lebens- und überlebenstüchtig. In den Rangordnungskämpfen wurde der Platz und die Stellung des einzelnen Tieres festgelegt, der dann auch allgemein akzeptiert wird. Durch Aktionen und Reaktionen des einzelnen Wolfes mit der Gesamtheit des Rudels entsteht dann auch letztlich die in der Natur so einmalig erfolgreiche Sozialstruktur.
Die Bindung innerhalb eines Wolfsrudels wird durch ein für uns nur schwierig zu verstehendes soziales Zusammengehörigkeitsgefühl ermöglicht, die auch das Verhältnis zwischen Mensch und Hund zu einer festen Bindung werden lassen kann. Dieses Gefühl und diese Bindung kann sich nur auf der Basis gegenseitigen Vertrauens entwickeln, die absolut frei von Furcht sein muss. Entgegen der leider auch heute noch - besonders in Kreisen von sogenannten „Hundesportlern" der herkömmlichen Art - weitverbreiteten Ansicht, der Hund müsse seinen Herrn fürchten, ist Angst ein Faktor, der diese innere Bindung nicht zustande kommen lässt. Aus genau dem gleichen Grund wird ein aggressiver Raufer niemals die Alpha-Position in einem Rudel einnehmen, und aus dem gleichen Grund erreichen wir mit brutalen Methoden und Prügeln nichts bei der Erziehung unseres Hundes, wir zerstören lediglich sein Vertrauen.
Sozial lebende Tiere haben einen intellektuell schwer zu definierenden Trieb nach Gemeinschaft mit Artgenossen; während die Triebe Hunger, Durst und der Fortpflanzungstrieb sich leicht und stofflich fassbar nachweisen lassen, entzieht sich der Sozialtrieb dem mit dem Reagenzglas, Mikroskop und Computer arbeitenden Wissenschaftler. Hier beginnt das komplizierte Feld der indirekten Nachweise und Interpretationen von beobachteten sozialen Interaktionen, das bei vielen Caniden heute noch als Modell der Evolution sozialen Gruppenlebens zu beobachten ist: Von den solitär lebenden Füchsen über die in Paarbindung lebenden Schakale bis hin zu den rudelbildenden Wölfen. Bei diesen sich zu Familiengruppen zusammenschließenden Wölfen kann neben dem genetischen Material auch die individuellen Erfahrungen aus der Vergangenheit an die Nachkommen weitergegeben werden, sodass das Sozialverhalten dieser hoch entwickelten Säugetiere mehr auf der Lernfähigkeit und Lernbereitschaft als auf einfachen Instinkten beruht -- und hierin glaubte EBERHARD TRUMLER, der Nestor der deutschen Kynologie, den wirklichen Fortschritt der Evolution zu erkennen.
Literatur
- CELLI, Giorgio
Konrad Lorenz - Begründer der Ethologie
Spektrum der Wissenschaft/Biografie 01/2001
- FEDDERSEN-PETERSEN, Dorit
Verhaltensstörungen und Verhaltensabweichungen beim Hund - Genesen, Fallbeispiele
Prophylaxen und Therapien
Ges.f.Haustierforsch. Sonderheft 5: 67-79 (1998)
- FEDDERSEN-PETERSEN, Dorit
Lernverhalten und Lernphysiologie bei Wölfen und Haushunden
Zur Biologie der Aggression des Hundes
Ges.f.Haustierforsch. Sonderheft 7: 32-45 (2000)
- FISHER, John et al.
Verhaltensstörungen bei Hund und Katze
Mürlenbach (1996)
- LORENZ, Konrad
Der Kumpan in der Umwelt des Vogels
J.Ornith. 83: 137-413 (1935)
- LORENZ, Konrad
So kam der Mensch auf den Hund
München (1965)
- PORTMANN, Adolf
Das Tier als soziales Wesen
Freiburg (1953)
- TRUMLER, Eberhard
Mit dem Hund auf du
München (1971)
- TRUMLER, Eberhard
Hunde ernst genommen
München (1974)
- TRUMLER, Eberhard
Das Jahr des Hundes
Mürlenbach (1984)
- TRUMLER, Eberhard
Der schwierige Hund
Mürlenbach (1986)
- TRUMLER, Eberhard
Trumlers Ratgeber für den Hundefreund
München (1993)
- WEIDT, Heinz & Dina BERLOWITZ
Das Wesen des Hundes
Augsburg (1998)
- ZIMEN, Erik
Der Hund
München (1992)
- ZIMEN, Erik
Der Wolf
München (1993)
- ZIMEN, Erik
Erziehung (?) in einem Wolfsrudel
Ges.f.Haustierforsch. Sonderheft 2: 26-28 (1995)


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