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Hessen: Eierdanz und die Marderhunde
Willi Eierdanz ist Imker im nordhessischen Fürstenberg und als er im Spätsommer die letzten Waben geschleudert hatte, legte er die honigsüßen Schleuderreste auf einen Teller. Dort sollten seine Immen naschen dürfen. Schließlich war es ja ursprünglich ihr Honig, der nun, in Gläser gefüllt, dem menschlichen Verzehr anheimviel.
Doch am Morgen danach war der Teller leergefressen. Zunächst fiel sein Verdacht auf die Waschbären, die rund um Fürstenberg seit langem heimisch sind. Doch Eierdanz wollte es genauer wissen und stellte am Bienenstand eine Lebendfalle auf, die er mit Wabenresten köderte. Am Morgen saß dann ein Marderhund im Kasten. Da war Willi Eierdanz verblüfft.
Zwar raunte man in Jägerkreisen schon länger, dass der asiatische Canide mittlerweile Osthessen und das Wesertal erreicht habe. Aber in Waldeck-Frankenberg, im hessischen Nordwesten, war der Enok eine Neuigkeit. Nicht ganz, wie Eierdanz dann herausfand. Der langjährige Jagdaufseher hatte mal rumgefragt und erfahren, dass bereits im Jahre 2000 zwei Jäger in der Gegend einen Marderhund gesehen hatten - abends, beim Ansitz.
Im selben Jahr warnte bereits der hessische Landesjagdverband vor dem „fuchsgroßen Eindringling", der Anfang der sechziger Jahre „im Emsland die Grenze zur Bundesrepublik" überschritten habe. Trotz Mauer und Stacheldraht.
Der „heimliche Räuber" breite sich nun zusehends „zwischen Spessart und Reinhardswald" aus - also im östlichen und nördlichen Hessen. So damals der LJV, der zudem zu berichten wußte, daß der Enok „neben pflanzlicher Kost auch Fische, Kröten, Frösche, Junghasen sowie Vogeleier und - junge nicht verschmäht". Es sei zu befürchten, heißt es weiter, dass der „expansionsfreudige Beutegreifer" zusätzlich zu Waschbär, Fuchs, Dachs und Marder die heimische Tierwelt beträchtlich dezimiere. Nach seiner massenhaften Aussetzung in der Sowjetunion der Stalinzeit habe das bis zu 12 kg schwere und 80 cm lange Tier „seinen unaufhaltsamen Siegeszug nach Westen" angetreten.
Allerdings mußten die Traditionsjäger damals einräumen, dass der kalte Krieger im Zottellook bis dato in Hessen kaum zur Strecke gekommen war: nur ein halbes Dutzend Marderhunde würden jährlich als erlegt gemeldet.
Auch die aktuellen Zahlen belegen keinen rasanten Bestandsanstieg, geschweige denn eine massenhafte Invasion. So weiß das hessische Umweltministerium von 12 erlegten Marderhunden und zwei Totfunden im Jagdjahr 2006/2007, 2007/2008 kamen 24 zur Strecke, 6 fielen dem Verkehr zum Opfer. 2009/2010 bissen ganze 13 Enoks ins hessische Gras.
Die Jagdstatitistik weist leider die räumliche Verteilung nicht aus, so dass über die geographische Verbreitung nichts zu erfahren ist. Auch Hessens Naturschutzdatenbank in Gießen kann nicht weiterhelfen: Neozoen werden in der von Hessen-Forst getragenen Einrichtung nicht erfasst.
Zumindest weiß man dort aus der Literatur, dass Enoks selten in Kastenfallen gehen.
Willi Eierdanz hat also mächtig Weidmannsheil gehabt. Zwei Wochen später fing er an seinem Bienenhaus noch einen weiteren, honiglüsternen Enok. Beide Tiere hat er dann aber nicht erlegt und verblasen - zumal ihm das Jagdsignal „Enok tot" partout nicht mehr einfallen wollte.
Er hat die zwei einfach wieder laufen lassen.
Merl Thionville
Marderhund (c) Paltanavicius
Der Enok in Hessen - eine Nachbemerkung
Losgelöst von jenem Eiertanz des LJV (no jokes with names) scheint es doch geboten, sich über die Funktion des Neubürgers im Ökosystem zu vergewissern. Aus Polen ist zu erfahren, dass dort dem Marderhund der Rückgang von Wasservögeln angelastet wird. Die Populationen von Auer- und Birkwild würden von ihm ebenfalls stark in Mitleidenschaft gezogen. Wie seriös diese Quellen sind, läßt sich aber schwer beurteilen. Zumindest aus Brandenburg sind mir sprunghaft ansteigende Streckenzahlen Ende der neunziger Jahre bekannt. 2500 erlegte Enoks 1999, 1998 waren nur 1500 dort zur Strecke gekommen. Neuere Zahlen kenne ich leider nicht. Es stünde der ÖKOJAGD als Forum ökologisch orientierter Jäger sicher gut an, die Erfahrungen in den neuen (und alten) Bundesländern mit dem Marderhund aufzubereiten und zu diskutieren. So kämen wir zu einer sachgerechten Beurteilung des Einwanderers und seiner Rolle in unserer Fauna.
Gerd Bauer, ÖJV Hessen
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