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Wildschweinplage in MV
OSTSEE-Zeitung 3.4.09
Von Gerald Kleine Wördemann
Wildschweine zerstören Gärten und Parks in MV
Verwüstete Felder, genervte Laubenpieper: Schwarzkittel werden in MV immer mehr zur Plage. Seuchenexperten sind alarmiert. Die Wildtiere sind häufigster Überträger der Schweinepest.
Rostock (OZ) Der Ökologische Jagdverein Mecklenburg-Vorpommern fordert angesichts immer größerer Schäden durch Wildschweine eine intensivere Jagd des Schwarzkittels. "Die Situation ist dramatisch", sagt Geschäftsführer Falk Jagszent.
In allen Landesteilen nehmen Meldungen über verwüstete Felder, Vorgärten und Parkanlagen zu. Ohne erhöhte Abschusszahlen lasse sich das Problem nicht mehr lösen.
"Es ist eine Katastrophe", klagt Andreas Kuhn (CDU), Bürgermeister von Zingst. Jede Nacht fallen Wildschwein-Rotten über Vorgärten in der Region her und richten hohe Schäden an. "Es betrifft nicht nur Häuser am Waldrand", sagt Kuhn, "die Tiere kommen bis ins Zentrum." Und Zingst ist kein Einzelfall: In Rostock gehen die Jäger des Stadtforstamtes mittlerweile mit Sondergenehmigung im IGA-Park auf Borstenvieh-Pirsch. In Malzow (Nordwestmecklenburg) finden Anwohner seit Monaten kaum noch Schlaf, weil nachts Wildschweine ihre Gärten auf der Suche nach Larven umwühlen. Im Rostocker Ortsteil Markgrafenheide verwandeln die gefräßigen Paarhufer regelmäßig große Rasenflächen in umgepflügte Äcker.
Bundesweit steigt die Wildschwein-Population seit Jahren stark. In MV erlegten die Jäger 2008 rund 58 000 Wildschweine -8000 mehr als im Jahr zuvor. Nach offizieller Zählung wurden letztes Jahr allein 390 Hektar Landwirtschaftsfläche beschädigt. Agrarminister Till Backhaus (SPD) verlangte zum Beginn der Schwarzkittel-Jagdzeit im November eine Verringerung des Bestands. In der Praxis scheuen laut Ökologischem Jagdverein viele Waidmänner den Schuss aufs Borstenvieh. Grund dafür seien zu viele Einschränkungen: Muttertiere, sogenannte Leitsauen, seien von der Jagd ausgenommen. Zudem würden viele Jagdveranstalter den Abschuss von Jungtieren verbieten. Für Jagszent sind die meisten Waidmänner Teil des Problems: Durch übertriebene Anfütterung hätten sie die Population wachsen lassen. Rüdiger Brandt, Geschäftsführer des Landesjagdverbandes, führt andere Ursachen an. "Unser Land besteht zu 70 Prozent aus Feldflächen. Für die Wildschweine ist das ein reich gedeckter Tisch." Zudem hätten die Tiere sehr hohe Vermehrungsraten. "Das Schwarzwild wird sehr intensiv bejagt." Die Wildschwein-Plage alarmiert auch Seuchenexperten. Wie Forscher des Friedrich-Löffler-Institutes, das seinen Sitz auf der Insel Riems hat, herausfanden, gehen 60 Prozent aller Schweinepestfälle bei Nutztierbeständen auf eine Übertragung durch Wildschweine zurück. In MV trat die gefürchtete Tierseuche zuletzt im Jahr 2000 auf.
Angesichts immer größerer Schäden durch Wildschweine auf Feldern, Parks und Gärten in MV fordert der Ökologische Jagdverband einen verstärkten Abschuss der Tiere. "Einige Wildschadenskassen stehen kurz vor der Zahlungsunfähigkeit", sagt Falk Jagszent, Geschäftsführer des Öko-Jagdverbandes. Ganz so drastisch würde es Ursula Frommholz von der Wildschadenskasse in Nordvorpommern nicht formulieren. Der Landkreis gilt in Mecklenburg-Vorpommern als mit am stärksten betroffen von der stark steigenden Wildschwein-Population. "Die Schäden nehmen aber zu", sagt Frommholz.
Im Ende März abgelaufenen Jagdjahr 2008/2009 beglich die Kasse Schäden durch Schwarzkittel auf landwirtschaftlichen Flächen in Höhe von 17 500 Euro - mehr als dreimal so viel wie im Jahr davor. Auch andere Schadenskassen im Land melden steigende Ausgleichzahlungen.
Keinen Ersatz bekommen dagegen Hausbesitzer, wenn eine Schwarzkittel-Rotte dem Blumenbeet den Garaus gemacht hat. Andreas Kuhn (CDU), Bürgermeister der Gemeinde Zingst, berichtet, dass fast keine Nacht ohne Wildschwein-Attacken vergehe. Er war selbst auch schon betroffen - und wehrte sich. "Silvesterknaller sind sehr wirksam", sagt Kuhn. Seitdem meiden die Tiere seinen Garten. Wohngebiete und belebte Plätze sind für die Wildschwein- Jagd per Gewehr tabu. Nur in Ausnahmefällen darf in der Stadt gejagt werden, wie etwa im Rostocker IGA-Park, für den es eine Sondergenehmigung gibt. Die Usedomer Kaiserbäder gingen aus Not neue Wege: Nahrung suchende Wildschweine richteten auf den Strandpromenaden von Heringsdorf und Ahlbeck zahlreiche Schäden an. Eine großangelegte Jagdaktion mit Hilfe der Polizei brachte keinen Erfolg.
"Die Tiere sind clever", sagt Bürgermeister Klaus Kottwittenborg (parteilos). Am Jagdtag blieben die Schwarzkittel weg. Erst seit ein Experte mit Blasrohr und Betäubungspfeilen anrückte, herrscht Wildschwein-Ruhe. Auf der Halbinsel Fischland/Darß/Zingst gefährden die Borstentiere fast schon den Küstenschutz. Immer wieder müssen Bautrupps die Grasnarbe verwüsteter Deiche flicken. Auf 10 000 Euro schätzt Dietrich Tylla, Abteilungsleiter im Staatlichen Amt für Umwelt und Natur Stralsund, die jährlichen Schäden. Damit soll bald Schluss sein: Auf einem Abschnitt testet die Behörde jetzt die Schweine-Vergrämung: Unter dem Gras wird ein Drahtgeflecht eingelassen. Das soll den Spaß am Umpflügen vermiesen.
Anmerkung des ÖJV M-V:
Grundsätzlich gibt der Artikel das Problem richtig wieder. An dieser Stelle sei jedoch Folgendes angemerkt bzw. richtig gestellt: Bezüglich der Frischlinge haben wir darauf hingewiesen, dass es immer noch Gewichtsrestriktionen gibt (z.B. 20 kg). Dass auf Jagden der Frischlingsabschuss generell untersagt wird, ist uns bisher nicht bekannt und ist (hoffentlich) auch kaum vorstellbar. Mit Blick auf die Bachen haben wir nicht den Abschuss von Leitbachen gefordert (obwohl auch das „Leitbachen-Dogma" auf den Prüfstand muss, vgl. Artikel von HOHMANN in der ÖKOJAGD 1/09), sondern nur darauf hingewiesen, dass insgesamt viel zu wenige Bachen als Zuwachsträger erlegt werden und dies vielerorts immer noch ein generelles Tabu ist.
Etwas kurz kommt in dem Artikel der Aspekt der großräumigen Bewegungsjagden. Wir haben zur Lösung des Problems deutlich auf sie hingewiesen. So lange sich immer noch Reviere großflächig diesen Jagden entziehen, weil sie meinen, mit Selektionsabschuss an der Kirrung die Lage besser in den Griff zu bekommen, wird sich die angespannte Situation noch verschärfen.
Falk Jagszent
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