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Hege bis zum Exzess - und sie haben den Knall immer noch nicht gehört......
OSTSEE-ZEITUNG, Dienstag, 24. Februar 2009 | Insel Usedom
Kraftfahrer und Wildtiere in Not
Die Hegegemeinschaft Hochwild Insel Usedom hat bei der Unteren Jagdbehörde die Feststellung der Notzeit für Wildtiere beantragt.
Der schwere Wildunfall, der sich in der vorigen Woche auf der B 110 zwischen Mellenthin und Usedom ereignete, hat sicher vielen Kraftfahrern zu denken gegeben, die mit Wildwechseln wohl in den Morgen- und Abendstunden, nicht aber am helllichten Tag rechnen. Das Wild scheint unruhiger denn je.
Gestern hat die Hegegemeinschaft Hochwild Insel Usedom bei der Unteren Jagdbehörde die Feststellung der Notzeit für Wildtiere beantragt, die das Füttern mit Heu- und Grassilage erlauben würde. Ansonsten würde sich das Wild an den Baumrinden gütlich tun und die Forstwirtschaft schädigen.
Doch nicht nur Schnee und Eis haben zur Zunahme der Wildunfälle geführt, meint der Usedomer Stadtförster Dirk Nass. So ist er überzeugt, dass insbesondere die Zunahme zwischen Mellenthin und Ahlbeck auf die großflächige Einzäunung von Feldern im Bereich Dargen zurückzuführen ist, die ein Landwirt zum Schutz seiner Flur veranlasst hat. „Wir haben als Hegegemeinschaft bisher vergeblich versucht, darauf einzuwirken, dass die Felder nur temporär, also in der verbissträchtigen Zeit, eingezäunt werden", erklärt der Förster, der mit im Vorstand der Hegegemeinschaft sitzt. Einen weiteren Grund für die offensichtliche Unruhe bei Rot-, Reh- und Damwild liefern nach seiner Auffassung die Stangensucher, die Schneisen und Dickichte durchlaufen und das Wild aufscheuchen. Das lasse sich anhand der Spuren im Wald deutlich ablesen. Nass macht darauf aufmerksam, dass das den Tatbestand der Wilderei erfüllt und als Straftat geahndet wird. Nicht in erster Linie, weil sich die Sucher unberechtigt in den Besitz von Geweihen bringen, sondern weil sie das Wild beunruhigen und ihm Energie abverlangen, die es im Winter zum Überleben brauchen.
Kraftfahrer sollten, so der Rat des Försters, bis weit in den März hinein vorsichtig fahren und selbst im April und Mai noch damit rechnen, dass das Wild in den Straßengräben äst, wo das frische Grün zuerst sprießt. Verschiedene Versuche, das Wild zu vergrämen und damit von den Straßen fern zu halten, hätten nur begrenzten Erfolg gezeigt. Das Dam-, Rot- und Rehwild hat gegenwärtig Schonzeit.
INGRID NADLER
Der ÖJV Mecklenburg-Vorpommern meint dazu:
Unglaublich aber wahr - Deutscher Hege-Realitätsverlust im Jahr 2009
Nun ist es wieder so weit - in Ostvorpommern zäunen sich Landwirte in Notwehr gegen Rotwild ein - und werden auch noch beschuldigt, an den Wildunfällen Schuld zu sein.
Die Usedomer Hegegemeinschaft hat sich in den vergangenen Jahren stets hervor getan, wenn es darum ging, eine konservative Hegeideologie zu Lasten der Landwirtschaft und des Waldes zu vertreten. „Natürlich" gehört dazu auch, nach wenigen Tagen Schnee und Eis (vor hundert Jahren hätte sich das Wild wahrscheinlich auch über diesen Mecklenburger Winter eher tot gelacht) die Notzeit auszurufen. In der Vergangenheit war man sich nicht einmal zu schade, auch die Bevölkerung um Futterspenden für die notleidenden Geweihträger zu bitten (die ÖKOJAGD berichtete).
Zum Glück wehrt sich der angesprochene Landwirt mit Leserbrief und weist Herrn Nass auf seinen Realitätsverlust hin: „Verantwortlich ist ein absolut überhöhter Wildbestand, also Herr Nass selbst, der als Mitglied des Vorstandes der Hegegemeinschaft die Abschussquoten mit entscheidet. Wenn sich im Bereich der Hegegemeinschaft ca. 700 bis 800 Stück Rotwild [grob geschätzt, andere Stimmen sprechen von wesentlich mehr, Anm. d. Ökojagd-Red.) aufhalten, bleibt das nicht ohne Folgen für den Straßenverkehr. Hierfür die Landwirte verantwortlich zu machen, die an diesem gezielten Rotwildbestandsaufbau absolut nicht interessiert waren, ist lächerlich. [...Die Zäunung] geschah nicht aus Spaß, sondern aus der bitteren Erkenntnis heraus, dass ohne diese Zäune keine Ackerbewirtschaftung mehr möglich war. [...]Ich empfehle einen Rücktritt des Vorstandes und eine Rückkehr zu einer vernünftigen Jagdpolitik, wie sie ja auch das Jagdgesetz vorschreibt. [...] Also kommen Sie Ihren Pflichten nach und beschuldigen Sie nicht diejenigen, die Sie eigentlich schützen sollen!" Dem ist wenig hinzuzufügen.
Auch die wenigen Jagdpächter, die zum Wohle des Waldes und der Gesamtsituation mehr Rotwild erlegen wollen, werden von der Hegegemeinschaft gegängelt und die notwendigen Abschüsse nicht genehmigt. So ist bei einem Pächter aus dem Bereich der Bundesforsten in einem Brief an die Hegegemeinschaft, der der Redaktion vorliegt, der Geduldsfaden kurz vor dem Abriss: „Wenn also der Vorstand weiter nach dem Prinzip „Salzstreuer" die Abschüsse m.o.w. gleichmäßig über alle Reviere verteilt, wird dabei wieder rauskommen, was wir in den letzten Jahren zunehmend beobachten mussten: die Abschüsse werden nicht erfüllt, immer mehr Reviere/Gruppenbezirke geben ihre Freigaben zum Ende der Jagdzeit zurück, eine - auch nach Gemeinschaftsbeschluss - notwendige Reduktion findet nicht statt und der Druck von Außen nimmt weiter zu. [...] der Vorstand täte gut daran, endlich seine bisher erfolglose Strategie der Rotwildbewirtschaftung zu ändern, bevor daraus ein Fall für die oberste Jagdbehörde wird. [...] Ich wiederhole nochmal meine bereits [...] übermittelten Forderungen, den Rotwildabschuss dort großzügig zu planen, wo er nach Vorkommenssituation auch erfüllt werden kann!"
Es gehört viel dazu, bis sich vorpommersche Landwirte und Jagdpächter bei der Hegegemeinschaft über zu hohe Wildbestände beschweren. Die Hegegemeinschaft Usedom ist leider ein schillerndes Beispiel für den teilweise exzessiven zahlenhegerischen Unsinn, den viele Hegegemeinschaften im Land auf dem Rücken von Land- und Forstwirtschaft betreiben, deren Belange ihnen ziemlich gleichgültig sind. In der Praxis geht von der eigentlich nicht schlechten Prinzipidee der Hegegemeinschaften bis auf Ausnahmen nur Negatives aus - eine weitere Chance, die die Jäger nicht genutzt haben.
Die reinigende Kraft von Innen bleibt eine vergebliche Hoffnung. Die Betroffenen werden den juristischen Weg gehen müssen und dabei hoffentlich auf die Unterstützung der Jagdbehörden zählen können. Druck aus der Bevölkerung und über die Medien kann dabei nur hilfreich sein. Der ÖJV bietet im Rahmen seiner Möglichkeiten allen betroffenen Flächennutzern seine ehrenamtliche Beratung und Unterstützung an.
ÖJV Mecklenburg-Vorpommern, Der Vorstand
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