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Fütterung ja oder nein?
(Zusammenfassung eines Vortrags von Bruno Hespeler am 24. Januar 2007 in Tharandt)
Das Thema Fütterung wird nicht nur kontrovers, sondern meist auch sehr emotional diskutiert. Die Gegner führen dabei gerne ökologische Überlegungen an, während die Befürworter Tierschutz und Wildschadensverhinderung ins Feld führen.
Zunächst einmal sei festgestellt, dass die Fütterung frei lebenden Wildes verhältnismäßig jung ist. Die Anfänge liegen nach der Revolution 1848, also rund 150 Jahre zurück. Allerdings war sie damals mehr die Ausnahme als die Regel. Dort, wo gefüttert wurde, beschränkte sich das auf die Vorlage von Heu und gelegentlich Rüben.
Die Motive waren unterschiedlich. Bei den bäuerlichen Jagdpächtern ging es in erster Linie darum, Wild mit Futter zum Zwecke des Abschusses anzulocken. In den Staatswaldungen und Standesherrschaften war eher das Gegenteil beabsichtigt, nämlich das saisonale Abwandern des Wildes zu verhindern. Hege und somit auch Fütterung war lange Zeit hindurch eine Domäne der Förster, wie überhaupt so ziemlich alles, was heute den Privatjägern vorgeworfen wurde, von der Forstverwaltung entdeckt, für gut und wichtig befunden und den ungebildeten Privatjägern eingetrichtert wurde! Dies gilt für die zahlenmäßige Aufhege wie für die Güteklassen des Schalenwildes, die Altersansprechmerkmale beim Rehwild, die Abschusspläne samt roten und grünen Punkten, die Trophäenschau und eben auch für die Fütterung. In Ländern, in denen die Förster kein Jagdprivileg hatten, war das alles kein Thema.
Selbstverständlich änderten sich die der Fütterung zugrunde liegenden Motive entsprechend dem jeweiligen Zeitgeist. Zunächst ging es wie schon ausgeführt, entweder um das Anlocken zum Zwecke der leichteren Erlegung oder aber um das „Anbinden", um genau dieses zu verhindern. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dominierten zunächst Gründe, die weitgehend intern diskutiert wurden. Ganz offen wurde die Steigerung der Trophäengewichte mit Hilfe entsprechender Futtermittel propagiert. Hierzu trugen zunächst die Versuche von Vogt und später jene von Herzog Albrecht in Bayern bei, wobei es bis heute schamhaft verschwiegen wird, dass es letzterem primär gar nicht um stärkere Trophäen ging, sondern darum, die Notwendigkeit genetischer Selektion zu widerlegen, wobei seine Versuche, sozusagen als unbeabsichtigtes Nebenprodukt, die Brauchbarkeit der gängigen Altersansprechmerkmale inklusive Zahnabschliff ad absurdum führten.
Als die Öffentlichkeit begann, den Trophäenkult kritisch zu hinterfragen, trat der Tierschutz in den Vordergrund: „Das arme Wild…" Rotwildheger argumentierten damit, dass dem Wild die Wechsel zwischen Sommer- und Wintereinständen durch Siedlungsgebiete und Verkehrswege versperrt seien und es deshalb gefüttert werden müsse. Tatsächlich trifft dies eher ausnahmsweise zu. Eher wollte und will man gerade mit der Fütterung diese saisonalen Wanderungen verhindern. Bis heute wird überdies versucht, das Rotwild an den Fütterungen zahlenmäßig zu erfassen, was bisher selbst unter den oft extremen Schneeverhältnissen des Hochgebirges nicht wirklich gelang. Letztlich war die Fütterung lange Jahre auch Voraussetzung für die regelmäßige Verabreichung von Medikamenten („Wurmpulver") an das Wild. Auch hier waren die Forstverwaltungen Vorreiter.
Gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurde die Wildfütterung mehr und mehr mit dem Argument verteidigt, damit Verbiss- und Schälschäden zu verhindern oder zumindest zu reduzieren. Schon zuvor wurden immer wieder Untersuchungsergebnisse präsentiert, die dies zu bestätigen schienen. Nachdem aber bis in die 80er-Jahre hinein nahezu flächendeckend und zumeist intensiv gefüttert wurde, hätte es im Wald eigentlich gar keine Wildschäden geben dürfen. Flankierend wurde damit argumentiert, dem Wild müsse in Form von Futtermitteln wieder ein Teil dessen gegeben werden, was ihm zuvor durch die land- und forstwirtschaftliche Nutzung genommen wurde. Dass die heutigen Wälder (selbst die trostlosen Nadelholzaltersklassenwälder früherer Jahre) ungleich nahrungsreicher sind als die ausgeplünderten und vom Vieh beweideten Wälder der Zeit vor 1848 wird entweder verschwiegen oder gar nicht erkannt.
Inzwischen ist die Fütterung in den meisten deutschen Bundesländern entweder verboten oder stark eingeschränkt. Nicht selten entsteht aber der Eindruck, dass staatliche Behörden nicht sonderlich am Vollzug der Bestimmungen interessiert seien.
Der Begriff Notzeit
Schon vor Erlass der heute geltenden Fütterungs- und Kirrbestimmungen fand sich überall der Begriff „Notzeit". Definiert war er ursprünglich nirgends. Wann Notzeit herrschte blieb weitgehend emotionalen oder zweckbedingten Entscheidungen überlassen. Die vielleicht 30 Zentimeter Februarschnee, die im deutschen Norden den Begriff „Jahrhundertwinter" in Erinnerung bringen, werden in Teilen des Alpenraums eher als „Frühlingserwachen" empfunden.
Vergessen und verschwiegen wird, dass unser Schalenwild Jahrmillionen ohne Fütterung - gesund! - überlebte. Noch in den 60er-Jahren wurde das Rehwild in den Hochgebirgsrevieren der bayerischen Staatsforstverwaltung kaum irgendwo gefüttert. Ein kleiner Teil fand sich bei den Rotwildfütterungen ein. Die meisten Rehe überwinterten entweder in Ortsnähe, wo sie auf Friedhöfen, bei Bauernhöfen und in Gärten Nahrung fanden oder sie überwinterten zerstreut in den Hochlagen. Verbissschäden wurden erst dann zum thematischen Dauerbrenner, als intensiv gefüttert wurde. Ob hier tatsächlich ein kausaler Zusammenhang zwischen Fütterung und Verbiss besteht oder eher eine sensiblere Betrachtung eintrat wage ich nicht zu sagen.
Inzwischen wird das Rehwild in den bayerischen Staatsjagden nicht mehr gefüttert. Gleichwohl ist die Verbissbelastung, wenn man den in dreijährigem Turnus erhobenen Vegetationsgutachten glauben darf, in den staatlichen Regiejagden deutlich geringer als in anderen Revieren. Aber auch dieser Vergleich ist nicht unanfechtbar, weil nur „mit Fütterung" und „ohne Fütterung" verglichen wird, wobei alle anderen Faktoren außer Ansatz bleiben.
Tatsache ist, dass Reh- und Rotwild in weiten Teilen des alpinen Raums nicht oder zumindest qualitativ nicht in unserem Sinne gefüttert werden und dass sie dort trotzdem überleben und sogar bemerkenswert starke Rehe heranwachsen. Selbst in absoluten Jahrhundertwintern wie dem 2005/2006 überleben Reh- und Rotwild ohne Fütterung und ohne dass die Bestände in der Folge unbejagbar wären. Allerdings kann es auch zu erheblichen Verlusten kommen. Die bleiben in Extremwintern aber auch in „wohlgehegten" Revieren nicht aus, es sei denn, Rotwild wird wie Vieh halbjährig in Wintergattern gehalten.
Niemand kann ernsthaft bestreiten, dass Südtirol ein alpines Land ist und dass es die dortigen Winter in sich haben, und zwar so sehr, dass Hunderttausende dort ihren Winterurlaub verbringen. Niemand, der das Land halbwegs kennt, kann bestreiten, dass die Jagd dort eine alte Tradition und heute noch einen sehr hohen Stellenwert hat und dass die Wilddichte in vielen Revieren signifikant höher ist als in vielen süddeutschen Revieren. Aber die Wildfütterung ist dort untersagt, und über begründete Ausnahmen im Einzelfall entscheiden Jagdverband und Forstverwaltung gemeinsam. Der Jagdverband bemüht sich intensiv und durchaus erfolgreich, bei den Jägern Interesse und Verständnis für ökologische Zusammenhänge zu wecken. Die Rotwildbestände nehmen trotz fehlender Fütterung weiter zu, und auch die Rehe könnten - trotz strenger Winter - vermutlich weit stärker genutzt werden.
Was das Rotwild betrifft, so wird die Fütterung allgemein auch damit begründet, dass heute die früher als Wintereinstände dienenden Talauen weitgehend verbaut seinen. Sicher gab es Talauen, die früher vom Rotwild genutzt werden. In den schmalen Austreifen enger Bergtälern liegt aber - bedingt durch Frost und Schatten - oft ungleich mehr Schnee als in der Höhe. Dort, wo das Rotwild nicht ins Vorland ziehen konnte, überwinterte es auch früher eher oberhalb der Waldgrenze als in frostigen Gräben.
Auch in einigen Kantonen der Schweiz finden wir Fütterungsverbote beziehungsweise reine Notfütterungskonzepte. So etwa im Kanton Sankt Gallen, wo das Rotwild den alpinen Raum entlang des Rheintalgrabens besiedelt. Die Notfütterung muss dort von der Kantonalen Forstverwaltung gemeinsam mit der kantonalen Wildhut und der Jägerschaft beschlossen werden und findet wirklich nur in Extremwintern statt. Zwar klagen die dortigen Förster auch über Wildschäden, aber was dort beklagt wird, würde in manchen deutschen Landen Jubel auslösen!
Wenn es um das Überleben des Rehwildes in extremen Wintersituationen geht, sei auch noch der Hinweis auf skandinavische Länder erlaubt. Dort haben die Rehe ihren Siedlungsraum trotz fehlender Fütterung und trotz teilweise vorkommendem Wolf und Luchs ganz erheblich ausgeweitet und ihre Bestandsdichten erhöht.
Der Tod als Unmöglichkeit
Eigentlich müssten wir Jäger zum Tod ein eher entspanntes Verhältnis haben. Schließlich tragen wir ihn, verpackt in kleine Messinghülsen, immer mit uns herum. Ihn nach Gutdünken zu verteilen ist Zweck und Inhalt der Jagd. Wir sitzen nicht draußen, um das Wild vor dem Tod zu schützen; nein, wir sitzen draußen, weil wir dem Wild den Tod bringen wollen! Entweder im Glauben daran, mit unserem hausgemachten Tod den Wald zu retten oder weil wir gerne Trophäen sammeln oder weil wir einfach Freude an der Jagd haben, die es ohne Tod nicht gibt, so wenig wie es ohne vorausgegangenen Tod uns selbst gäbe.
Wir jaulen erst auf, wenn der Tod von jemand anderem verteilt wird - zum Beispiel von Schnee und Kälte. Bei der Begegnung mit dem Tod haben wir den Bezug zur Lebensrealität weitgehend verloren. Es ist uns eine Zeitungsnotiz und ein Bedauern wert, wenn eine junge Mutter von einem Alkoholisierten tot gefahren wird. Aber wir investieren zwei Wochen hindurch und länger Leserbriefe, wenn am Ortsrand ein verendetes Reh im Schnee liegt und der Jäger nicht gefüttert hat! Ich will damit sagen, dass über die Frage füttern oder nicht füttern der Jäger nicht alleine entscheidet. Die öffentliche Meinung diskutiert mit und gibt sogar die Richtung vor. Und im Schlepp der öffentlichen Meinung windet sich, nach Wählerstimmen und eigenem Nutzen schielend, die Politik.
Es ist, um diesen von mir schon mehrfach kritisierten Begriff zu verwenden, „ökologisch" nicht zu füttern und es ist voll ökologisch, wenn Schalenwild im Winter eingeht. In der Tat ist totes Schalenwild auch nicht sinnlos, es hilft anderen Arten - Adler und Fuchs, Tanne und Ahorn - zu überleben. Nur in unserer Rechnung fehlt es.
Wie aber ist die Sache, wenn Schalenwild nicht stirbt, etwa weil dem Jäger der Tod oder die Lust ausging, weil der Winter zu nachlässig, der Straßenverkehr zu langsam und der Luchs zu satt ist? Ist es dann „unökologisch" wenn das Reh an der Tanne nagt oder verstößt es gegen wirtschaftliche Interessen? Und wozu stehen wir dann: zur Ökologie oder zur Ökonomie? Die Antworten darauf höre ich schon jetzt!
Was ist schon vergleichbar?
Zahlreiche Untersuchungen mit teils konträren Ergebnissen wurden zum Thema Schalenwildfütterung schon durchgeführt. Ein hochrangiger süddeutscher Jagdfunktionär meinte vor mehr als einem viertel Jahrhundert sinngemäß, niemand werde sich einen Gutachter holen, von dem er nicht sicher sein könne, dass er ihm ein Ergebnis liefere, das seine eigene Meinung untermaure. Damit traf er den Nagel auf den Kopf. Ich wüsste als Futtermittelhersteller sehr wohl, wen ich mit entsprechenden Beiträgen betrauen würde, und auch die Gegner der Fütterung werden sich keine ausgewiesenen Befürworter als Propagandisten holen. Doch selbst die objektivsten Untersuchungen bringen in erster Linie Ergebnisse, die das spiegeln, was am Untersuchungsort Sache ist - ohne Anspruch auf „reichsweite" Gültigkeit.
Eine Untersuchung aus neuerer Zeit ist die der Wildforschungsstelle Aulendorf in Baden-Württemberg im Forstamt Blaustein, Revier Borgerhau. Sie brachte in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerte Ergebnisse und der Forschungsstelle sicher nicht nur Beifall. Im Borgerhau wurde schon lange vor Versuchsbeginn intensiv gefüttert. Dies blieb in der ersten Versuchsphase auch so, während in der zweiten Phase die Fütterung völlig eingestellt wurde. Ermittelt wurden unter anderem die Wilddichte, die körperliche Verfassung, die Zuwachsrate, die Wintersterblichkeit und selbstverständlich der Verbiss.
Nach Einstellung der Fütterung halbierte sich der Rehwildbestand innerhalb fünf Jahre. Aber: die Winterfütterung hatte keinen Einfluss auf die Höhe der Wintersterblichkeit, die körperliche Verfassung, den Zuwachs oder den Verbiss. Und der Verbiss stand in keinem Bezug zur Wilddichte! Die Einstellung der Fütterung bewirkte schlicht eine Reduktion der Zuwanderung. So war denn auch die Abwanderung mit 50 % der Gesamtverluste der bedeutendste Regulationsfaktor, während die Jagd nur mit 1/3 zu Buche schlug.
Bei erster flüchtiger Betrachtung stehen diese Ergebnisse im Widerspruch zu den Untersuchungsergebnissen Holzapfls in Mittelfranken oder denen Ellenbergs in Stammham und zu anderen. Insbesondere die Feststellung, dass im Borgerhau die intensive Fütterung weder die körperliche Verfassung noch die Zuwachsraten beeinflusst hat wirkt höchst „verdächtig". Kennt und berücksichtigt man jedoch die Lage des Untersuchungsgebietes (optimale Zu- und Abwanderungsmöglichkeit) versteht man die Ergebnisse. Das heißt aber, dass wir mit plakativen Behauptungen (auch wenn die Sachverhalte irgendwo glaubhaft dokumentiert wurden) sehr vorsichtig sein müssen.
Fazit
Rotwild benötigt zur Arterhaltung sicher keine Fütterung. Es überlebt auch im Hochgebirge ohne eine solche. Vielfach wären die früher üblichen saisonalen Wanderungen etwa ins Flachland hinaus noch möglich. Sie sind aber aus wirtschaftlichen Überlegungen nicht gewollt. Trotzdem will ich nicht generell ausschließen, dass es beim Rotwild Situationen gibt, in denen eine extensive Fütterung sinnvoll sein kann.
Es besteht aber sicher keine Notwendigkeit irgendwo das Rehwild zu füttern, weder um die Tiere gesund und schon gar nicht um die Art zu erhalten. Rehe überleben problemlos selbst in klimatisch extremsten Gebieten. Die Nachteile einer Winterfütterung sind in der Regel erheblich größer als gelegentliche Vorteile. Nicht zuletzt schädigen wir damit die Marketingbemühungen um das Produkt Wildbret, von dem wir immer noch behaupten, es würde absolut natürlich erzeugt.
Wir müssen auch begreifen und akzeptieren, dass nicht nur „Schäden" am Wildbestand (durch Ausnahmewinter) periodisch auftreten, sondern auch Spuren des Überlebenswillens am Wald.
Ob sich die „Nullfütterung" durchsetzen wird hängt nicht nur vom Verständnis der Jäger ab, sondern in gleichem Maße von der öffentlichen Meinung und somit vom politischen Willen. Bei der Bewertung des Einflusses des Schalenwildes müssen wir akzeptieren, dass „Ökologie" nicht willkürlich teilbar ist. Wir können nicht den Tod von Wildtieren als „ökologisch" verteidigen, ihr Bestreben zu überleben aber als wirtschaftlich untragbar aus der ökologischen Gesamtbetrachtung herausnehmen.
Auch das Bild des Waldes, das wir uns machen, wird in erster Linie von wirtschaftlichen Überlegungen bestimmt, egal ob wir es mit dem Attribut „ökologisch" beleihen oder nicht. Was heute unter „ökologischer Jagd" und „naturgemäßem Waldbau" verstanden wird, folgt im Wesentlichen wirtschaftlichen Interessen. Das muss seinen Wert nicht mindern.
Auch auf die Gefahr hin jetzt endgültig missverstanden zu werden: Selbst ruinöse Wildschäden (und Waldschäden generell) können zu einer unglaublichen ökologischen Vielfalt führen, auch wenn unser Verständnis für Ökologie und „Überlebensspuren" des Wildes bei wirtschaftlichen Einbußen schnell endet. Dass wir diese „Überlebensspuren" durch Fütterung im Regelfalle verhindern können ist zu bezweifeln!
Bruno Hespeler
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