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Zurück in die Zukunft

von Dr. Klaus Thiele

Bemerkungen zum Leitbild für das Rotwildmanagement der Deutschen Wildtierstiftung

30 Jahre ist es her, seit Horst Stern mit seinen Bemerkungen zum Rothirsch den Weihnachstfrieden deutscher Waidmänner massiv störte. Nicht den Rothirsch denunzierte er damals als Problemtier. Er führte die Perversionen, den Filz und die Korruption vor, die mit der Rotwildjagd und vor allem mit dem Trophäenkult verbunden waren. Die katastrophalen Folgen der überhöhten Rotwildbestände für den Wald waren sein Thema.

Die Bemerkungen Sterns scheinen heute völlig in Vergessenheit geraten zu sein. Anders ist das Leitbild der Deutschen Wildtierstiftung nicht nachzuvollziehen. Hier wird der Rothirsch wie eine Art der Roten Liste diskutiert, obwohl jährlich über 50 000 Stück erlegt werden, Tendenz steigend. Die Menschen lösen Probleme nicht, sie vergessen sie.

Dieses Leitbild gibt vor, die Belange des Rothirsches zu vertreten. Bei näherer Durchsicht scheinen es aber eher die Interessen eines Teiles der Jägerschaft zu sein, die hier formuliert werden. Das Leitbild ist wohl kaum geeignet zu integrieren, wie es vorgibt, sondern wird stark polarisieren:

    ·So soll sich entsprechend der Vision das heutige Verbreitungsgebiet des Rothirsches verdoppeln. Massive Probleme mit den Grundeigentümern sind unvermeidlich, insbesondere nach den katastrophalen Erfahrungen mit den Wildschweinen. Ein deutliches Ansteigen der Dichten, zumindestens lokal, wäre eine weitere Folge mit Konsequenzen, die schon Horst Stern schilderte.

    ·Schließlich wird ein alter Traum der Jägerschaft vorgetragen: Grundeigentümer und Jäger sollen Wildschäden in Zukunft gemeinsam tragen. Kollektive Verantwortungslosigkeit und massive Auseinandersetzungen sind so vorprogrammiert.

Rotwild, Vorkommen und Lebensraum


Dieser Abschnitt des Leitbildes stellt das Rotwild als eine Art Landschaftspfleger vor, ähnlich den Schafherden auf der Lüneburger Heide, oder den Rinderherden auf Almweiden im Gebirge. Das Rotwild soll etwas leisten, was weder Schafherden noch Rindern bisher gelungen ist. Sowohl auf den Heideflächen sind zusätzliche Maßnahmen notwendig um die Bewaldung zu verhindern, und auch die Almweiden müssen ständig geschwendet werden, um sie offen zu halten.

Will man, dass Rotwild die Wiederbewaldung lediglich verzögert, so müsste man es in so hohen Dichten halten, dass verherende Schäden bei anderen Landnutzungen zu befürchten sind. Zudem würden sich bei der Sukzession statt artenreicher Pionier- und Schlusswaldgesellschaften reine Nadelwälder mit den von Horst Stern geschilderten Problemen entwickeln. Die Diversität der Gefäßpflanzen auf dem Boden würde sich zwar eine Zeit lang erhöhen. Gewinner wären dabei allerdings nur Offenlandarten. Pflanzen naturnaher Wälder, vor allem viele Baum- und Straucharten und die von ihnen abhängigen Tiere wären die Verlierer.

Nicht zuletzt wird die Auflösung der heute starren Grenzen der Rotwildgebiete gefordert. Zeichnet sich nicht danach eine ähnliche Entwicklung wie bei den Wildschweinen ab? Wird die Jägerschaft tatsächlich in der Lage sein, einen solchen Rotwildbestand auf großer Fläche in Grenzen zu halten, die für die Grundeigentümer erträglich sind.

Nahrungsangebot und Raumnutzung

Wegen der Tendenz zur Extensivierung in der Landwirtschaft fordert das Leitbild dem Rothirsch wieder klimatisch günstigere Winterlebensräume zu öffnen. In diesen Überwinterungsgebieten gibt es aber auch Wald und empfindliche landwirtschaftliche Kulturen, in dem das im Winter stark konzentrierte Wild unerträgliche Schäden macht. Auch bei einer generellen Tendenz zur Extensivierung wird es in der Landwirtschaft immer eine Mischung von extensiv und intensiv wirtschaftenden Betrieben und Wald geben. Die intensiver Wirtschaftenden würden durch das Rotwild in ihrer Existenz bedroht.

Schließlich fordert das Leitbild ein Verbot der Kirrung. Ein solches Verbot würde gerade den Pächtern kleinerer Gemeinschaftsjagdreviere die Möglichkeit zur Bejagung des Rotwildes stark einengen. Für sie ist Kirrung ein wesentliches Mittel sich am Abschuss zu beteiligen. Richtig angewandt hat sie nur wenig Nachteile für den Wald und nicht die verheerenden Auswirkungen wie beim Wildschwein.

Rotwild und Waldwirtschaf
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Das Leitbild behauptet, dass naturnaher Waldbau ein größeres Nahrungsangebot für den Rothirsch schaffe, als labile Altersklassenwälder aus reiner Fichte. Dazu muss man feststellen, dass naturnahe Waldwirtschaft mit viel Naturverjüngung auf dem Boden erst nach deutlicher Reduktion der Rotwildbestände möglich wird. Die starke Beschattung durch Laubäume in der Ober- und Zwischenschicht naturnaher Wälder macht es ausserdem unwahrscheinlich, dass dort viel Primärproduktion stattfindet. Ausserdem ist naturnaher Wald wegen der langfristigen Verjüngungsverfahren deutlich empfindlicher gegen Verbiss, als ein Altersklassenwald. Schließlich ist zu fragen, was derzeit mehr Deckung und Äsung für das Wild bietet, als die allerorts durch Sturm arg zerzausten Nadelwälder.

Nicht zuletzt wiederholt das Leitbild die stereotype Behauptung der Jägerschaft, Schälschäden seien auf verfehlte Waldwirtschaft zurückzuführen. Einzig und allein starke Absenkung der Rotwildbestände hat in allen mir bekannten Fällen zu einer deutlichen Reduktion, wenn nicht zu einem Verschwinden der Schälschäden geführt.

Tierernährung im Winter

Eine alte Forderung des ÖJV unterstützt die These des Leitbildes, dass Rotwild auch ungefüttert überwintern kann. Dies gilt unserer Einschätzung nach auch für das Gebirge. Diese Tierart ist, das zeigen besonders neuere Forschungen, ausgezeichnet an die kalte, schneereiche Jahreszeit angepasst.

Unbestritten ist auch, dass Störungen den Energiebedarf des Rothirsches deutlich steigern. Andererseits ist die Jagd bei Schnee am effektivsten - auch für den Wolf. So ist es zur zwingenden Notwendigkeit geworden, um die Schäden in Land- und Forstwirtschaft zu begrenzen, das Rotwild auch im Winter und zur Nachtzeit zu bejagen. Durch Absenkung der Dichte ist es trotz möglicherweise höherem Energiebedarf des Einzeltieres stets gelungen, die Waldverjüngung zu entlasten.

Nicht nachvollziehbar ist die Forderung im Leitbild nach Wintergattern. Durch starke Rücknahme der Fütterung verbunden mit einer deutlichen Absenkung der Wildbestände ist es in vielen Revieren der Nordalpen möglich, dass Rothirsche auch ohne Fütterung überwintern. Wintergatter sind, wie die Autoren selbst betonen, eine besonders naturferne Lösung, nicht zu Gunsten einer natürlichen Lebensweise des Rotwildes sondern ausschließlich zum Vorteil der Jagd.

Populationsgröße und Wilddichte

Deutlich wird ein wesentliches Motiv des Papieres bei der Diskussion der Bejagbarkeit. Die Autoren wünschen sich „bejagbare" Rotwildpopulationen, die, wie sie selbst betonen, biologisch nicht begründbar sind. Hier scheint das Interesse der Jäger an Trophäen am klarsten durch.

Der Zustand der Waldverjüngung als der heute in Deutschland am weitesten verbreitete Weiser für die Populationsgröße wird nicht einmal andiskutiert.

Soziale Organisation

Unter dieser Überschrift wiederholt das Leitbild erneut ein Stereotyp der Jägerschaft: „Hoher Jagddruck verursacht Wildschäden". Beweise dafür werden allerdings nicht vorgestellt. Die Vegetationsgutachten für die Bergwälder in Bayern zeigen dagegen deutlich, dass durch intensivere Bejagung mit Absenkung der Wilddichte, Tanne und Laubbäume wieder eine Chance haben. Nur durch hohen Jagddruck war es möglich eine ausgeglichenes Verhältnis Wald/Wild zu erreichen und zu erhalten.

Mehrmals fordert das Leitbild, Rotwild müsse sich in Rudeln organisieren können. Höhere Konzentration müssten daher, zumindest örtlich, zugelassen werden. Ist dies aber tatsächlich richtig? Natürlich vorgegeben ist nur die kleinste Untereinheit, der Familienverband Ansonsten ist das Rotwild ausserordentlich flexibel und kann sich den unterschiedlichsten Umweltbedingung sehr gut anpassen. Größere Rudel wünschen sich vielleicht doch eher die Jäger.

Gerade die hohen Konzentrationen, die großen Rudel haben aber zu den bis heute keineswegs vergessenen Akzeptanzproblemen bei den Grundeigentümern geführt. Der Bauernverband hat sie sehr deutlich in Erinnerung gerufen.

Populationsgliederung

Einerseits stellt das Leitbild zu recht fest, dass natürliche Rothirschbestände nach Gesamtzahl, nach Geschlecht und nach Altersverteilung stark variieren können. Dann aber wird eine Struktur gefordert, die eine möglichst erfolgreiche Trophäenjagd ermöglicht. Hier zeigt sich erneut, dass es eher um die Interessen der Jäger als um die des Rothirsches geht.

Jagdmethoden

Die Rothirschbestände müssen unter anderem reguliert werden, um naturnähere Wälder zu erhalten und nachzuziehen. Heute, da sich gravierende Klimaänderungen abzeichnen ist dies eine unbedingte Notwendigkeit im Interesse der Landeskultur. Die deutliche Absenkung der Rothirschbestände hat, das zeigen Forsteinrichtungswerke und Vegetationsgutachten aus Bayerns Wäldern, zu einer sensationellen Vermehrung und einer phantastischen Vielfalt in der Naturverjüngung geführt. Dies war nur möglich durch Ausschöpfung aller legalen Regulierungsmöglichkeiten.

Einschränkung der Jagdmethoden wie Verkürzung der Jagdzeit, Verbot der Nachtjagd und der Kirrungen macht es bei der eher abnehmenden Zahl der Jäger und der Altersstruktur der Jägerschaft sehr viel schwieriger, wenn nicht unmöglich, die gesetzlich festgesetzten hohen Standarts zu erreichen oder zu erhalten.

Insbesondere betroffen wären bei der Umsetzung des Leitbildes die Pächter kleinerer Jagdreviere, deren Möglichkeiten, Rotwild zu bejagen, ohne Kirrung und Nachtjagd extrem eingeschränkt würden. Die vom Leitbild geforderten Einschränkungen der Jagdmöglichkeiten würden zu einem stetigen Ansteigen der Bestände führen. Die Folgen für die Akzeptanz des Rotwildes wären katastrophal.

Die Verwaltung des Rotwildes

Das Leitbild wünscht Zwangshegegemeinschaften in die die Grundeigentümer und Jäger eintreten müssen. Aufgaben dieser Zwangshegegemeinschaften wären u. a. Lebensraumverbesserung, Winterfütterung, Planung und Koordination des Abschusses und Kontrolle.

Ähnliche Hegegemeinschaften gab es schon einmal. Durch Knebelung aller Revierinhaber haben sie zu der von Horst Stern geschilderten katastrophalen Entwicklung der Rothirschbestände geführt. Sie wären vermutlich von den Jägern dominiert, die große Flächen bejagen und finanziell so gut situiert sind, dass Wildschäden für sie Peanuts wären.

Hohen finanziellen Aufwand würde es erfordern, die vom Leitbild gewünschten Managementmaßnehmen zu planen und die Umsetzung zu kontrollieren. Hierzu wären, wie das Leitbild fordert, Berufsjäger notwendig. Diese hätten allerdings einen extrem schweren Stand, bei den sich abzeichnenden Auseinandersetzungen der verschiedenen Interessen.
Sicher sind die starke Ausweitung des Verbreitungsgebietes aber auch das deutliche Ansteigen der Rothirschbestände, die sich aus dem Leitbild ableiten lassen, ohne Zwangshegegemeinschaften nicht möglich. Andererseits verhindert diese Forderung eine Umsetzung des Leitbildes in wesentlichen Punkten, weil kein klar denkender Grundbesitzer, wie die Stellungnahme des Bauernverbandes sehr deutlich zeigt, sich einer solchen Gemeinschaft anschließen wird.

Die Ablehnung der Grundeigentümer wird noch deutlich steigen, wenn sie sich zusammen mit den Jägern an einem Fond zum Ausgleich der Wildschäden beteiligen müssen. Ein solcher Fond kann zu einer allgemeinen Verantwortungslosigkeit bei den Jägern führen. Viele der betroffenen Grundeigentümer stünden katastrophalen Schäden auf ihrem Eigentum ohnmächtig gegenüber.

Die Gedanken zur Verwaltung des Rothirsches zeugen von einem Rückfall in vergangene Planungseuphorie. Der Glaube an Rotwildplanungen, der Versuch sie über Hegegemeinschaften und eine Berufsjägerpolizei umzusetzen ist nicht mehr zeitgemäß. Die Geschichte der Behandlung des Rotwildes nach der Schaffung des Reichsjagdgesetzes bis heute zeigt, dass sich für solche Visionen keine Mehrheiten mehr finden lassen.

Im übrigen Horst Stern lebt noch.
Okt. 2010

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