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Ungeliebte Räuber auf Reviersuche
Jäger betrachten Isegrim als Konkurrenten - Schäfer setzen auf hohe Zäune und wehrhafte Hunde
aus HZ-online
In Sachsen leben bereits 22 Wölfe. Da die beiden Lausitzer Rudel ihre fast ausgewachsenen Welpen bald wegjagen, müssen diese neue Reviere in Deutschland suchen. Jäger und Schäfer sehen dies mit Argwohn. Ein Wolf-Kontaktbüro bemüht sich darum, Konflikte zu schlichten.

Der Wolf, das unbekannte Wesen. Jeder im Land glaubt ihn zu kennen, doch weiß die Menschheit noch nicht einmal Verbindliches über das Wanderverhalten der Wölfe in Mitteleuropa. Als sicher gilt nur, dass Isegrim auf der Suche nach einem Partner hunderte Kilometer zurücklegt. Um diesen Lusttrieb genauer auszuloten, sollen nun sechs Jungwölfe aus der Oberlausitz einen Sender erhalten. Damit will das Bundesnaturschutzamt vor allem klären, wohin sich die Jährlinge, die alle 2005 in Sachsen zur Welt kamen, bewegen. "Denn sie sind langsam geschlechtsreif, so dass sie von den Eltern bald weggebissen werden", erklärt Jana Schellenberg vom Kontaktbüro Wolfregion Lausitz in Rietschen. Tiere aus beiden Rudeln, die heute durch die Wälder zwischen Hoyerswerda und Bad Muskau streifen, sollen in die Fangnetze gehen. Doch einfach ist das nicht. Unlängst mühten sich die Treiber vergebens, ihrer habhaft zu werden. Dabei hatte man extra den Neuschnee abgewartet, um frische Fährten verfolgen zu können. Das war Wasser auf die Mühlen der Wolfsgegner, denen das Wiederauftauchen der Raubtiere in Deutschland gegen den Strich geht. Bauern fürchten um ihre Schafe, Jäger sehen die Grauen als Konkurrenten, und vor dem geistigen Auge manches allzu ängstlichen Zeitgenossen laufen sofort Bilder einschlägiger Horrorfilme ab. Gerade bei Letzteren verbinde sich mit dem Wolf "ein diffuses Gefühl der Bedrohung, das sich rational nur schwer ausräumen, aber eben gut schüren lässt", weiß Jana Schellenberg. Dabei sei bisher kaum einem Mensch ein Lausitzer Wolf über den Weg gelaufen. Und für den seltenen Fall, dass dies doch passiert, versichert die diplomierte Forstwirtin: "Von einem gesunden Wolf in freier Wildbahn geht keine Gefahr für den Menschen aus. Wir zählen nicht zu seinem Beutespektrum." Der Wolf meide den Menschen. Ausnahmen bildeten tollwütige Tiere oder "habituierte Wölfe, die mit dem Zweibeiner Futter verbinden, weil er sie einst angefüttert hat." Auf die mittlerweile 22 Lausitzer Wölfe, die auf knapp 700 Quadratkilometern leben, treffe dies nicht zu. Keine Problemtiere Deren fünf Stammtiere wanderten seit 2002 aus Polen zu, wo rund 600 Wölfe heimisch sind. In beiden Ländern gelten sie laut EU-Artenschutzverordnung als streng geschützt. Sie dürfen nicht gejagt oder vertrieben werden. Vielmehr sind für sie Schutzgebiete auszuweisen. Ausnahmen bilden so genannte Problemwölfe, die sich ähnlich dem Braunbären Bruno "auffällig" benehmen. "Doch alle Lausitzer Wölfe verhalten sich korrekt", sagt Gesa Kluth, die führende deutsche Wolfsbiologin. Das Rietschener Kontaktbüro will neutral vermitteln, wenn sich wegen der Wölfe Probleme zwischen Menschen, Haus- und Wildtieren auftun. Doch eine Notwendigkeit, regulierend in die ohnehin noch instabile Population einzugreifen, sieht Jana Schellenberg nicht. Ohnehin könne die Wolfsdichte in einem Revier nie ausufernd wachsen, da eben die Jungtiere regelmäßig zum Abwandern gezwungen sind. Und die Zahl der aufgezogenen Welpen bemesse sich nach der Zahl der Beutetiere, wie Hirsch, Reh und Wildschwein. "Werden sie seltener, überleben auch weniger Jungwölfe. Ein Ausrotten des Schalenwilds ist also nicht zu erwarten", versichert die Expertin. Eine Ausnahme bildet das einst eingebürgerte Mufflon. Während es in seiner sardinischen Heimat vor Wölfen in steile Felsregionen flüchtet, ist es im flachen Lausitzer Sand weitgehend hilflos deren Attacken ausgeliefert - und fast aufgefressen. Doch nicht nur deshalb sind die Jäger verschnupft. Christian Berndt, Chef des regionalen Jagdverbandes, mag es schlicht nicht hinnehmen, dass ein Rudel pro Jahr gut 500 Stück Schalenwild schlägt. Für ihn ist Jagd "kein Luxus sondern ein Wirtschaftsfaktor" und der Wolf ein Konkurrent um das kostbare Gut. Manche Jäger sehen ihn gar als geschützten Wilderer, zumal Sachsen allen Schadensersatz an Jagdpächter und Waldbesitzer ablehnt. "Wild ist herrenlos. Erst mit dem Erlegen erwirbt der Jäger das Eigentum an einem Stück Wild", lautet die Lesart nach Bundesjagdgesetz. Und einige Förster feiern den Wolf gar als natürlichen Verbündeten. Denn hohe Wildschäden auf Feldern und im Wald rühren letztlich aus zu starken Schalenwildrudeln. Dagegen haben sich die Schäfer im Wolfsgebiet auf die ungeliebten Nachbarn eingestellt. Von Wölfen gerissene Schafe bilden längst die Ausnahme. "Wo es früher flache Elektrozäune taten, braucht man dazu heute natürlich teure Netze, teilweise auch hohe Lattenzäune, um seine Herde wolfssicher einzupferchen", berichtet Frank Kieslich. Der Schäfermeister erzählt dies ohne alle Aufregung. Er legte sich wehrhafte Herdenhunde zu und bringt sich für Sachsens Schafzuchtverband in eine Arbeitsgruppe von Wildbiologen und Naturschützern ein. Denn auch Schäfer bekommen nur noch in Ausnahmen Wolfsrisse entschädigt. Allerdings bieten ihnen private Wolfsfreundegruppen materielle und praktische Hilfe an, etwa beim Zaunbau. Dass sich die Lausitzer Wölfe weiter ausbreiten, halten Experten für sehr wahrscheinlich - und wünschenswert. Denn damit in Deutschland eine überlebensfähige Population entsteht, müssten ausgewachsene Welpen die Chance haben, neue Reviere zu erobern, so Thomas Kappe vom Bundesnaturschutzamt. Als Richtzahl gelte dabei: vier Wölfe pro 100 Quadratkilometer. Doch findet Isegrim in Deutschland geeignete Lebensräume? "Er ist sehr anpassungsfähig, braucht nur ausreichend Beutetiere sowie ungestörte Ruheplätze. Dem entsprechen viele Gebiete in Deutschland", so Jana Schellenberg. Problematischer sei es dagegen mit der Einstellung der Bevölkerung. Der Naturschutzbund (Nabu) startete deshalb nun das Projekt "Willkommen Wolf". Man will ehrenamtliche Wolfsbetreuer einsetzen, bietet Wolfspatenschaften an. Auch Sachsens staatliches Wolfsmanagement fokussiert sich noch vor allem auf mehr Akzeptanz bei den Menschen - durch Aufklärung sowie Lösung und Minimierung von Konflikten. ONLINE-INFO http://www.wolfsregion-lausitz.de
HARALD LACHMANN
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